Böker Messer - Eine wohlwollende Kritik

Vor einigen Tagen fand ich auf Youtube im Kanal des „Waldläufer“ einen neuen Beitrag über die „Messermafia“, in dem er u.a. eine recht deutliche Kritik an einer Firma „Öker“ aus „Olingen“ äußert. Es liegt auf der Hand, dass Böker gemeint ist.Waldläufer hat einen Online-Shop, ist also nicht nur Youtuber, sondern auch Händler. Böker ist nicht nur Hersteller, sondern u.a. auch Importeur und Händler.
Eins vorweg: Ich mag Böker. Eine Traditionsfirma aus Solingen. Die Böker-Manufaktur macht phantastische Messer. Böker hat einige wichtige Marken in Deutschland erst bekannt gemacht. Der Böker-Katalog hat mir damals zuerst Tops Knives, Fred Perrin, Spyderco und viele andere überhaupt erst vorgestellt. Das war lange, bevor ich Youtube-Kanäle wie „GideonsTactical“ (meiner Meinung nach der beste Messertester auf Youtube) oder andere abonniert hatte.
Aber ich habe selbst eine Reihe von Kritikpunkten an Böker. Und ich muss sagen: Nicht erst seit heute. In den letzten Jahren bin ich immer unzufriedener geworden. Wenn die Firma wirklich erstklassig ist, wird sie mit Kritik offen umgehen. Wenn nicht, wird sie vielleicht irgendwann verschwinden und Wettbewerbern Platz machen, die Kundenwünsche und –kritik mehr berücksichtigen.

Ich mag auch den „Waldläufer“. Der Mann ist ein überzeugter Jäger, Schütze, Angler, Prepper, Outdoor-Enthusiast und Messerfreund und erzählt es auf Youtube begeistert jedem, der es hören will. Klar kann man ihn auch kritisieren. Aber, dass er in den Clips nicht druckreif spricht, viel zu häufig von seinen Hunden abgelenkt wird und als „kleiner Mann“ gegen „die da oben“ auftritt ist wohl keine Pose. Der Waldläufer ist authentisch. Das bedeutet nicht, dass ich immer oder in diesem speziellen Fall seiner Meinung bin.

Kritikpunkt 1: Preis
Was kritisiert der Waldläufer? Unter anderem die Preisentwicklung bei Böker – insbesondere dort, wo sie als Generalimporteur eine starke Marktstellung haben – speziell bei Real Steel, einer Firma, die er auch schon in einem ersten Video aufgreift.

Zu Real Steel und seinen Vorwürfen in diesem Zusammenhang kann ich nicht viel sagen. Klar ist, dass der Handel die Preise festlegt und nicht der Hersteller (der nur eine unverbindliche Preisempfehlung abgeben kann) oder ein Importeur. Aber der Hersteller kann natürlich den Preis, den er von Händlern verlangt, erhöhen. Was sich im Einzelnen zwischen Hersteller, Importeur und Händler (in dem Fall dem Waldläufer) abgespielt hat, weiß ich nicht und kann ich deshalb nicht bewerten. Aber ehrlich, ich persönlich habe keinerlei Interesse an in China gefertigten Messern, schon gar nicht an solchen für über 100 Euro. Deshalb ist es für mich unwichtig, ob und wie viel teurer sie geworden sind.
Für eine seriöse Kritik, die mich überzeugt und über Befindlichkeiten hinausgeht, hätte der Waldläufer genauer erklären und vor allem belegen müssen, was genau vorgefallen ist.

Weiter nennt der Waldläufer Spyderco. Auch hierbei kann ich nicht bewerten, was sich zwischen Importeur und Händler abgespielt hat. Ich kann aber den Preis, den Böker selbst von Endkunden verlangt mit dem anderer Händler vergleichen. Nehmen wir beispielsweise das Paramilitary 2 black.
Böker verlangt dafür (16.04.2017) 253 Euro, Lamnia 188,10 Euro und Knives and Tools 184,95 Euro. Böker ist erheblich teurer - ganze 68,05 Euro! Aber ich muss als Endkunde nicht dort kaufen. Ich muss nicht einmal mehr direkt in den USA bestellen, weil es andere nach Deutschland liefernde Händler gibt, die das selbe Messer sehr viel preiswerter anbieten. Das ist jedenfalls scheinbar kein neuer Kritikpunkt, wie ein Blick in ein Messerform nahelegt.

Ich erweitere meine Recherche etwas: Nachfolgend einige Preisbeispiele und eine kleine Analyse. Diese Übersicht ist nicht repräsentativ, sondern ich habe Messer ausgewählt, die mich selbst interessieren. Allerdings bestätigen sie meine vorangegangenen Erfahrungen (Stand ebenfalls 16.04.2017).

Tops Knives Tex Creek XL
- Böker: 226 Euro
- Lamnia: 180,42 Euro
- Outdoormesser: 189,90 Euro
Böker liegt preislich klar vorne und zwar ganze 45,58 Euro über dem niedrigsten Angebot (rund 25%).

Tops Knives Tom Brown Tracker
- Böker: 341 Euro
- Lamnia: 272,55 Euro
- Knives and Tools: 339 Euro
- Outdoormesser: 269,90 Euro (nicht lieferbar)
Der billigste Laden ist nicht immer wirklich der billigste und die Lieferbarkeit spielt selbstverständlich auch eine Rolle. Wie auch immer: Es geht wieder deutlich billiger als bei Böker.

Tops Knives Tahoma Field Knive
- Böker: 332 Euro
- Lamnia: 214,97 Euro
- Knives and Tools: 254,95 Euro
Die Preisdifferenz kann gewaltig variieren. Hier haben wir mit einer Preisdifferenz zum billigsten, von mir findbaren Anbieter einen unglaublichen Preisunterschied von 117,03 Euro (fast 55%).

Ontario Rat 3
- Böker: 141,95 Euro
- Amazon (Prime): 101,01 Euro
- Wildnissport: 155,90 Euro
Es geht deutlich teurer als bei Böker. Wildnissport verlangt tatsächlich noch einmal 13,95 Euro (fast 10%) mehr, als Böker. Der Preisunterschied zwischen Wildnissport und dem billigsten, von mir gefundenen Laden liegt bei diesem einfachen Standardmesser bei 54,89 Euro.

Böker Jagdmesser Duo (Klappmesser)
- Böker: 219 Euro
- Amazon (Prime): 219 Euro
- Swords and More: 209 Euro (+ 6 Euro Versand)
Es meist billiger, auch wenn der Preisunterscheid bei Böker-eigenen Produkten nicht sehr groß ist – jedenfalls bei meinen zwei Beispielen. Wie man bei einem Warenwert von über 200 Euro noch Versandkosten verlangen kann, verstehe ich nicht. Zumal die Preisdifferenz nicht gewaltig ist. Bei solchen Läden kaufe ich selbst aus Prinzip nicht ein.

Böker Jagdmesser Quadro (Taschenmesser)
- Böker: 279 Euro
- Swords and More: 259 Euro (+ 6 Euro Versand)
- Frankonia: 279 Euro (+ 5,95 Euro Versand)
Auch hier gibt es einen der es mit Versandkosten „schafft“, teurer als Böker selbst zu sein. Wie gesagt, wer pauschal Versandkosten verlangt, egal, wie hoch der Warenwert ist, muss auf mich als Kunde verzichten.

Douk Douk Grand (Klappmesser)
- Böker: 27,95 Euro (+ 3,95 Versand)
- Amazon (Prime): 22,95
- Hertie: 22,95 Euro
- Waldläufer Shop: 24,99 Euro (+ 3,79 Versand)
Hier ein Beispiel mit geringem Warenwert. Kaum ein Händler verzichtet auf Versandkosten. Dass ich bei Amazon Prime davon ausgenommen bin, weil ich für die Prime-Mitgliedschaft bezahle, ist nicht repräsentativ. Interessant ist, dass der Waldläufer nur geringfügig billiger ist als Böker. Bei diesem geringen Warenwert ist das allerdings auch zu erwarten. Es zeigt sich aber am Beispiel von Hertie wieder einmal, dass es fast immer billiger geht.


Applegate-Fairbairn black und Arbolito Drop Point (Böker Argentinien)

Nachteile durch den Onlinehandel?
Es gibt vor dem Hintergrund des Themas noch drei Dinge zu bedenken:
Erstens besteht natürlich die Gefahr von Produktfälschungen. Ich habe allerdings bei den hier aufgeführten Online-Shops gekauft und vertraue ihnen aufgrund der gemachten Erfahrungen. Ich habe den Eindruck, dass die Fälschungsgefahr von Herstellern oder etablierten Händlern gerne übertrieben wird, um ihr Fachhändlernetz bzw. ihren eigenen Vertrieb zu schützen. Ich selbst würde aus Vorsichtsgründen allerdings nicht auf Online-Handelsplattformen bei mir unbekannten Händlern oder gar Privatpersonen kaufen. Schon gar nicht bei einem Warenwert von über 100 Euro und/oder einem Produkt, auf das ich mich verlassen können muss. 
Zweitens ist es zwar zutreffend, dass der reine Online-Handel kostenmäßig Vorteile gegenüber dem stationären Handel hat (z.B. muss kein Ladengeschäft unterhalten werden und es ist 7/24 „geöffnet“). Aber das ist für meine Beispiele vermutlich nicht ausschlaggebend, denn Böker besitzt zwar ein Geschäft in Solingen. Aber erstens befindet es sich auf Werksgelände, zweitens wird dort auch preisreduzierte Ware „abgeschleust“ und drittens hat es zweifelsohne auch Showroom-Charakter bzw. trägt zur Imagebildung bei („Klingenstadt Solingen“, Nutzung bei Werksbesichtigungen etc.). Mir ist nicht bekannt, wie hoch der Anteil des Ladenverkaufs am Gesamtgeschäft ist. Böker hat aber sehr aufwändige Kataloge und der online-Shop ist gerade überarbeitet worden und steht auch in Englisch zur Verfügung – keine sinnvollen Investments, wenn diese Vertriebskanäle nicht eine große Bedeutung hätten …

Drittens ist in mancherlei Hinsicht der Verweis etablierter Händler oder Hersteller auf den (stationären) Fachhandel in Abgrenzung zum Internethandel fragwürdig. Weder spielt die reine Größe eines Händlers eine Rolle, noch die Frage, ob er sein Geschäft nebenbei betreibt oder hauptberuflich, noch die Frage, welche Bedeutung das Internet dafür hat. Anders ausgedrückt: Warum sollte beispielsweise ein (als Jäger, Bushcrafter, Angler etc.) erfahrener Messeranwender, der abends eine Stunde lang nebenbei seinen Webshop betreibt, grundsätzlich weniger gut in der Lage sein, seine Kunden (die oft genug selbst ein hohes Maß an Sachkenntnis besitzen) beim Messerkauf zu beraten, als ein Unternehmen mit drei Mitarbeitern und einem Ladenlokal? Es kann genau su gut anders herum sein. Oder: Warum ist für mich das eine Handelsformat besser als das andere, wenn ich genau weiß, dass ich ein Spyderco Paramilitary 2 in schwarz möchte? Für mich ist dann ausschließlich wichtig, dass es ein echtes Spyderco ist, dass es schnell lieferbar ist, dass Reklamationen korrekt abgewicklet werden und, was es kostet.

Kritikpunkt 2: Innovation
Ich habe den Eindruck von dem großen Mythos "Klingenstadt Solingen" ist allgemein nicht mehr viel übrig geblieben. Mag sein, dass die Arbeit in Deutschland teuer ist, muss das aber dazu führen, dass ich wenig davon spüre, dass Solingen weltweit ganz vorne mitspielt, was Messer betrifft? Könnte Solingen nicht tonangebend beim Design von Messern sein, bei neuen Werkstoffen oder Arten der Herstellung und Bearbeitung? 

Es ist natürlich innovativ, interessante neue Messermarken auf den deutschen Markt zu bringen. Aber das ist eben die Innovation eines Händlers, nicht die eines Herstellers.
Mein Sohn sagte, er sehe bei Böker zu viel "alten Wein in neuen Schläuchen". Er ist 15. Es ist nicht der Eindruck eines Experten, aber gerade deshalb macht es mich hellhörig. Ich verstehe, was er meint. Es gibt phantastische Designs, wie zum Beispiel die Applegate-Fairbarn-Dolche, den Grabendolch oder das Smatchet (auch wenn sie historische Vorbilder haben), die Jim Wagner-Messer, die Optima- oder Turbine-Klappmesser etc. Von denen gibt es immer wieder Mal neue Versionen: andere Klingenformen, andere Stähle, andere Griffmaterialien etc. Aber nach meinem persönlichen Empfinden tut sich bei der Entwicklung neuer Messertypen eigener Herstellung in Deutschland zu wenig. Speziell, wenn ich das mit "Innovationsmaschinen" wie Tops Knives oder auch nur Pohl Force nebenan in Burscheid vergleiche, die zu jeder Messe, die ich beobachtet habe, mit völlig neuen Messertypen kommen. Ich kann diesen Eindruck allerdings nicht quantifizieren.


Uneingeschränkt zuverlässig: Böker Duo nach mehrjährigem harten Gebrauch



Kritikpunkt 3: Position beziehen
Das deutsche Waffenrecht ist eines der restriktivsten weltweit. Das gilt nicht nur für Schusswaffen, sondern auch für Messer. Gegen weitere Restriktionen bei Schusswaffen regt sich immer noch nicht so viel Widerstand, wie nötig wäre, weitere unsinnige Verschärfungen zu verhindern, während Terroristen, Amoktäter und Kriminelle auf dem Schwarzmarkt scheinbar nach wie vor ausreichend Zugang zu illegalen Schusswaffen und Sprengstoff haben. Aber immerhin regt sich Widerstand. Auch von Händlern und Herstellern.

Leider ist das bei Messern nicht ansatzweise in gleicher Weise feststellbar. Obwohl Messer mittlerweile eine immer stärkere Rolle bei der Straßenkriminalität spielen (jedenfalls legt das die Berichterstattung nahe), drangsaliert der §42 a rechtstreue Bürger in erheblichem Maße – nicht nur wegen der darin festgeschriebenen Einschränkungen, sondern auch wegen der Rechtsunsicherheit, die dadurch geschaffen wurde (Stichwort sozialadäquater Zweck bzw. Verunmöglichung des Führens von Messern zur Selbstverteidigung). Natürlich kümmern sich Kriminelle genau so wenig um die Paragraphen zum Messerrecht wie um die zu Schusswaffen. Im Ergebnis gibt es keine Waffengleichheit zwischen rechtstreuen Bürgern und Verbrechern.

Was hat das mit Böker zu tun? Ganz einfach: Wer Geld mit Messern verdient, darunter auch solchen, die unter das Führverbot fallen, hat meiner Meinung nach eine moralische Verpflichtung auch dafür einzutreten, dass diese restriktiven und vor allem unsinnigen Gesetze liberalisiert werden.
Ich habe die Stimme von Böker in dieser Weise nicht vernommen (außer in der Rubrik Waffenrecht auf ihrer eigenen Internetseite). Ich sehe noch nicht einmal bei der Initiative „Messer sind Werkzeuge“ ein Böker-Banner. Und das enttäuscht mich sehr. Ich bin kein Killer, sondern steuerzahlender Familienvater, aber ich möchte nicht auf lächerliche unter 12 cm Klingenlänge beschränkt sein, wenn wir in die Natur rausgehen. Wer sich als Innovationsführer bezeichnet, sollte auf seinem Heimatmarkt meiner Meinung nach auch eine deutlich vernehmbare Rolle dabei spielen, ein freieres Waffen-(Messer-)Recht zu fordern.

Dass Böker die Kurse mit Jim Wagner beendet hat, passt meiner Meinung nach in dieses Bild. Position beziehen ist angesagt, nicht einknicken oder ausweichen! Mir reicht es bei weitem nicht, wenn Böker – wie einem Foreneintrag entnehmbar – offenbar mit anderen Herstellern über den Industrieverband IVSH anlässlich der Gesetzesverschärfung interveniert hat. Erstens ist das lange her (2002) und zweitens verfügt der IVSH heute noch nicht einmal mehr über eine online-Präsenz, die ich finden konnte, geschweige denn, dass er laut Position bezieht.


Resümee
Was ist also mein Resümee? Ich wünsche mir, dass Böker die Kritik des Waldläufer-Kanals aktiv aufgreift und zwar inhaltlich und nicht rechtlich! Ich wünsche mir, dass der Waldläufer substantiierter kritisiert.
Und ich wünsche mir, dass Messer in Deutschland nicht nur gesellschaftlich wieder besser akzeptiert werden, sondern unser Land auch bei der Entwicklung von Messern wieder eine führendere Rolle einnimmt. Warten wir ab, wie sich die Dinge entwickeln. Bis jetzt hat Waldläufers Video jedenfalls bereits 13.000 Zugriffe und es gibt eine Reihe von Videoantworten anderer Youtuber - quasi erste Solidarisierungseffekte! Schon jetzt bewerte ich diese insgesamt über 25.000 Zugriffe als Problem für die Firma. Nicht erst, wenn der Funke sozusagen überspringt und der erste US-Messer-Kanal das Thema aufgreift, sondern bereits beim Durchschlagen auf Diskussionen über die Youtube-Amateur-Community hinaus, kann es sich zu einer schwierigen Image-Krise ausweiten......