Paul Müller: "Die Zukunft der Jagd". Rezension und Würdigung

Paul Müller fehlt mir. Nicht, dass ich ihn persönlich kannte. Aber ich kenne seine gleichermaßen fundierten und kämpferischen Beiträge in der Jagdpresse und ich kenne sein Buch "Die Zukunft der Jagd und die Jäger der Zukunft". Wie sehr unterschied sich dieser hervorragende Gelehrte und große Jäger von dem Gros unserer Jagdfunktionäre und Hochschullehrer. Paul Müller fehlt uns Jägern.
"Jagd ist auch wildes, blutvolles Vorwärtsstürmen, Testen unserer abgestumpften Sinne an sinnesscharfem Wild, ist ständiger Kampf zwischen Leidenschaft und Vernunft, altes Primatenerbe, ist Suche, manchmal auch Sucht nach Abenteuern in den letzten Wildnissen dieser Erde. Jagd ist aber auch Zuwendung und Hilfe für geschundene Natur, für bedrängte Umwelt, für gepeinigte Kreaturen, für Pflanzen und Tiere. Es ist die tiefe Liebe zur Natur, die richtige Jäger wirklich bewegt. Jagd erfordert deshalb auch Wissen, Erfahrung, Bescheidenheit, Charakter und Nachdenklichkeit". Alleine wegen der Beschreibung, was Jagd ist, von der hier weniger als die Hälfte wiedergegeben ist, lohnt sich der Kauf des kleinen, schmucklosen Buches.
           
Wie man seinem Nachruf entnehmen kann, wurde Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Müller am 11.10.1940 geboren und starb überraschend am 30.5.2010. Müller studierte Biologie, Biochemie und Palaeontologie, promovierte und habilitierte sich. Ab 1971 hatte er den neu geschaffenen Lehrstuhl für Biogeographie an der Universität des Saarlandes inne. Er baute das Zentrum für Umweltforschung der Universität des Saarlandes auf und leitete es bis er 1989 an die Universität Trier wechselte, um den Sonderforschungsbereich Umwelt und Region zu leiten. Müller blieb Wissenschaftler und verkam nicht wie andere zum Berufsfunktionär. Er diente seinem Land u.a. als Sachverständiger der Bundesregierung für das Washingtoner Artenschutzabkommen und erhielt zahlreiche Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen.
Eine Liste seiner Aufgaben und Ehrungen ist beeindruckend. Noch beeindruckender ist aber Müllers eigene Schilderung von der knapp ausgegangenen Elefantenjagd in dem Buch. Neben seiner Jagd in Deutschland, ist er mit seiner .416 Rigby auch ein großer Auslandsjäger gewesen und er hat - das ist nicht mehr die Regel bei deutschen Gelehrten - Schneid gehabt.
          
Die Frage, warum er jagt, beantwortet er mit eben dem, mit Schneid: "Bevor mich jemand fragt, warum ich jage, habe ich ihn, wenn er mir etwas bedeutet, schon längst gefragt, warum er eigentlich nicht jagt". Und richtig, ich hatte noch nicht darüber nachgedacht, aber erlebe es oft genug. Man jagt mit einem sagen wir Ovambo oder Buschmann oder weißen Südafrikaner oder einem Schotten, Engländer oder Kärntner oder sagen wir mit einem Berufsjäger oder Metzger oder Bauern oder Zahnarzt. Oder man redet mit ihnen über die Jagd. Über die Liebe zum Aufsuchen und Nachstellen von Wild, um es zu erlegen. Man kann sich verstehen, auch wenn oft genug die Sprache nicht die gleiche ist und alle anderen Interessen und Eigenschaften unterschiedlich. "Jagd ist für blutvolle Jäger wichtig, gleichgültig, welchen Beruf sie ansonsten ausüben. Deshalb verstehen sich Jäger in allen Weltregionen. ... Jagd war ursprünglich existenzsichernde Lebensform. Überlebensnotwendig ist sie heute für die meisten von uns nicht, erst recht nicht für diejenigen, die ihr Fleisch unbekannter Herkunft in den Supermarktketten zum Billigpreis ergattern. Deshalb können uns auch MItglieder esoterischer und intellektueller Stadtkommunen, an denen die Aufklärung vorbeiging, ohne Spuren zu hinterlassen, sich als 'evolutiv höher entwickelte" und deshalb jagdfeindliche Vorläufer einer zukünftig noch 'humaneren Primatenkultur' outen".
            
Müller behandelt in seinem Buch das Prinzip der ökosystemgerechten Jagd, geht aus Jagd, im Zusammenhang mit Tierschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit ein und greift die Wald-Wild-Problematik auf. Oft genug spricht er mir dabei nicht nur aus der Seele, sondern erhärtet seine Thesen mit unbestechlichen Fakten. Und eins ist sicher: Ein Mann wie Müller beschönigt nichts und nimmt auch nicht selektiv war. Müller steht auf der Basis dieser Fakten für die Fangjagd auf, für die Kirrung und Ablenkfütterung, gegen die einseitige Anlastung der Wildschäden auf Kosten des Jagdpächters, gegen die irrationale Ungleichbehandlung des Wildes in schützenswert und nicht schützenswert, in auszurotten und künstlich anzusiedeln und für viele andere gute Sachen und gegen ebenso viele andere heilige Kühe unserer Tage.

"Jagen versöhnt mich mit der Endlichkeit meiner Person", schrieb Müller. Obschon der Verfasser diesen Satz nicht uneingeschränkt nachempfinden kann, ist es tröstlich, dass der hervorragende Jäger und Gelehrte Paul Müller reich an Jagderlebnissen war, als er starb.


Paul Müller: Die Zukunft der Jagd und die Jäger der Zukunft. Melsungen 2009.