Schießerei in Hamburg

In Hamburg hat sich am 6. April 2011 eine Beziehungstat ereignet: Ein Mann verletzte seine Exfreundin, die aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte, und tötete deren Bruder und sich selbst. Ein Passant, der eingreifen wollte, wurde verletzt. Viele Medien verfuhren nach bekanntem Muster. Rasch nach der Tat schrieb das Portal web.de zum Beispiel von einem "Amoklauf" (ein Polizeisprecher mußte dem später ausdrücklich widersprechen). Am Folgetag erschienen über 600 Zeitungsberichte, nicht wenige schlachteten die Tatsache aus, dass der Täter scheinbar Sportschütze war.

Die Amok-Überschriften verschwanden bis auf wenige, überregional meist unbekannte Blätter wie das Wedel-Schulauer-Tageblatt rasch wieder. Stehen blieben aber einige der üblichen Stilblüten, so z.B. die Feststellung, dass der Täter als Sportschütze einen "kleinen Waffenschein" gehabt hätte (gemeint Waffenbesitzkarte) und die Polizei bei ihm mehrere Waffen "gefunden" oder "entdeckt" hätte (so als sei ein Waffenschrank in einer Wohnung leicht zu übersehen). Immerhin erklärte das Hamburger Abendblatt seinen Lesern: "Weit mehr als 90 Prozent der Morde sind sogenannte Beziehungstaten. Täter und Opfer kennen sich in der Regel. Es handelt sich um Tötungen im Affekt, Partnerkämpfe, Familiendramen."
                   
Insgesamt gab es allein rund 500 Artikel über die Tat, die man online finden kann, wenn man als Suchbegriff "Sportschütze" eingibt. Das Berichterstattungsmuster ist klar und setzt sich über die übliche "Abschreiberei" bundesweit fort: Sportschütze = gefährlich. Sportschütze ist für Medien oftmals jeder, der in irgendeiner Form nicht-dienstlich und nicht-jagdlich geschossen hat. Ob er dem Sport noch nachging und somit überhaupt noch ein Bedürfnis hatte und ob seine Waffen damit legal oder illegal waren (eine Feststellung, die der Behörde vorbehalten ist) wird selten hinterfragt. Vielleicht wäre das aber genau im Fall Hamburg die eigentliche Nachricht gewesen: So erklärt Jürgen Kohlheim, Vizechef des Deutschen Schützenbundes, im Hamburger Abendblatt zu der Frage der Vereinsmitgliedschaft des Täters: "Der Klub, in dem der Täter Sportschütze gewesen sein soll, ist ein Unternehmen und hat nichts von einem klassischen Sportverein. Unklar ist, wie er an eine Waffe kam, warum er sie mit nach Hause nehmen konnte. Laut Gesetz muss der angehende Waffenbesitzer ein Jahr in einem Schießsportverein eines anerkannten Schießsportverbands aktives Mitglied gewesen sein."  Dazu schreibt die Morgenpost an anderer Stelle: "Um scharfe Schusswaffen erwerben zu dürfen, musste René von S. die Mitgliedschaft in einem Schieß-Club oder Schützenverein nachweisen. Das war wohl der „Hanseatic Gun Club“ in der Altstadt. Nachdem er hier ein Jahr regelmäßig geschossen hatte, bekam der Student seine Waffenbesitzkarte." Ohne die Organisation bzw. das Unternehmen weiter bewerten zu wollen, in denen der Täter Mitglied war, ist festzustellen, das die Behörden nicht nur über die Zuverlässigkeit und das Bedürfnis eines Einzelnen befinden, sondern auch in vielfacher Hinsicht über Vereine oder vereinsähnliche Unternehmen.
                    
Eine umfassendere Bewertung der Berichterstattung wird aber erst dann möglich, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele Medien interessiert hat, dass sich Ende März in Rheinhausen kriminelle Gangmitglieder auf offener Straße einen Schußwechsel geliefert haben oder, dass in Bottrop wenige Tage zuvor ebenfalls ein Mann auf seine Exfreundin und deren Bruder geschossen hatte, oder dass sich wenige Wochen zuvor armenische Gangmitglieder ebenfalls einen Schußwechsel in Hamburg geliefert hatten. Ebenso wenig interessierte es offenbar überregional, dass bei einem familiären Beziehungsdrama ein junger Mann in dieser Woche in Frankfurt erstochen wurde oder, dass eine Frau in Essen ebenfalls im Rahmen einer Beziehungstat von ihrem Exfreund mit dem Messer getötet wurde. Diese wenigen Beispiele sollen reichen, um die Problemstellung zu verdeutlichen. Kurz gefaßt lautet sie: legale Schußwaffe = großes mediales Interesse bzw. illegale Schußwaffe/andere Waffe wie z.B. Messer = geringes mediales Interesse.
                 
Und ein weiterer Punkt ist essentiell: Was aber wissen wir wirklich über Beziehungstaten - also auch die Tat von Hamburg? Erstens: Ihre Anzahl nimmt zu. Zweitens (so das BKA): „ein affektiv motivierter Totschlag wird also unabhängig davon begangen, welche Waffe dem Täter im situativen Kontext konkret zur Verfügung steht. … Selbst die völlige Abschaffung jeglichen Legalwaffenbesitzes würde demzufolge diese Tötung nicht verhindern“. Drittens: Es zeigen sich eine Reihe von Charakteristiken bei Beziehungstätern (ähnlich wie bei Amoktätern). Legaler Waffenbesitz gehört nicht dazu. So erklärt eine wissenschaftliche Studie dass zu den biographischen Besonderheiten von Beziehungstätern u.a. gehört: "die Beziehungstäter boten mehr Zeichen sozialer Desintegration und beeinträchtigten Selbstwertgefühls". Weiter heißt es "... dass sie unter gleichartigen ungünstigen Bedingungen aufgewachsen sind wie andere Straftäter, die genannten Besonderheiten der Beziehungstäter weisen aber auf eine relative Isolation innerhalb des eigenen Milieus und auf ein geschwächtes Selbstbewusstsein hin." Zu den konfliktverschärfenden Faktoren zählt: "Trennung wie Streit um Sorgerecht über gemeinsame Kinder, Wechsel zwischen Trennung und Versöhnung, vermeintlicher Einfluss eines Rivalen oder anderer Dritter, einseitige Schritte der Partnerin zur Trennung. Gewaltanwendung oder Drohung gegen die Partnerin einschließlich Drohung mit Suizid. Selbstwertbelastende Ereignisse in der Trennungsszene bzw. Tatvorszene wie Beschimpfung oder Demütigung oder Tätlichkeit von Seiten der Partnerin oder von Seiten Dritter, Ankündigung endgültiger Trennung und Mitnahme der Kinder durch die Partnerin."
                
Für die journalistische Aufarbeitung gesellschaftlicher Probleme und gut untersuchter Kriminalitätsphänomene scheint vielerorts weniger Zeit zur Verfügung zu stehen, als für die Berichterstattung über vermeintliche Amoktaten. Es bleibt abzuwarten, wie schnell die Anti-Waffenlobby "auf den Zug aufspringt".

3 Kommentare:

  1. Es erübrigt sich fast, auf die menschliche Tragödie hinzuweisen, die sich hinter solchen Taten verbirgt, so offenkundig sind die Auswirkungen auf die Hinterbliebenen. Wenigstens, so ist man versucht zu sagen, ist hier kein Kind unter den Opfern, so wenig tröstlich das ist. Ob es Respekt vor den Opfern zeigt, Fotos von Opfern und Tätern zu zeigen und Details aus ihrem Leben zu veröffentlichen ist jedoch mehr als fraglich. Die Öffentlichkeit hat wenig mehr davon als die Befriedigung ganz primitiver Neugier.

    AntwortenLöschen
  2. Danke für diesen Artikel! Hier in Sachsen-Anhalt hat sich dieser Tage ebenfalls ein Familiendrama ereignet: Ehemann erstickt seine Noch-Gemahlin und erhängt sich danach. ( http://bit.ly/e2zi4p ) Das mediale Interesse an dem Fall hielt sich in Grenzen.

    AntwortenLöschen
  3. Frau Homburger äußerte sich nach Lörrach völlig richtig: Es bleibt der Risikofaktor Mensch!

    Polizisten werden in kleiner Anzahl zu Verbrechern, sei es durch Korruption, Gewaltanwendung oder Mord.

    Und ebenso übertreten auch Sportschützen und Jäger das Gesetz. Lt. Statistik bisher niemals mit Schusswaffe bei Raub, Vergewaltigung, Erpressung und Entführung, aber sehr wohl bei den sogenannten "Beziehungstaten im Nahumfeld", bei denen die Tatwaffe sekundär ist.

    Auch kann niemand ausschließen, dass ein Sportschütze oder Jäger erstmalig in Deutschland eine legale Waffe für eine Gewalttat außerhalb seines sozialen Nahfelds einstetzen wird. Laut wissenschaftlicher Forschung haben Jäger und Sportschützen im Gegensatz zum Bundesdurchschnitt zwar eine bessere Sozialisation, aber man kann so etwas NIE wissen.

    Die Frage stellt sich immer wieder, warum ein Sportschütze oder Jäger seine legale Waffe für einen Mord benutzt hat. Und die Antwort ist so einfach: NUR Sportschützen, Jäger und Behörden-Dienstträger dürfen Waffen LEGAL besitzen.

    Die illegalen Schusswaffenmissbräuche werden in den Medien aufgrund ihrer Häufigkeit gar nicht mehr erwähnt. Die Mörder mit illegalen Waffen müssen noch nicht mal länger als 24 Stunden in Untersuchungs-Haft verweilen. Dabei ist auch völlig irrelevant, ob sie bereits gewaltätig aufgefallen sind oder nur ein beschränktes Aufenthaltsrecht haben. Da diese illegalen Waffenbesitzer hauptsächlich ebensol illegale Einwanderer töten, werden sie ganz schnell aus der U-Haft entlassen. Wer ist nicht glaubt, kann hier nachlesen: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Nach-toedlichen-Schuessen-in-Hannover-43-Jaehriger-wieder-frei

    Und der von Kohlheim beleumdnete Klub, der kein soziales Umfeld für den Täter geschaffen hat?
    Der Hanseatic Gun Club ist wie viele andere Schießsportklubs ein Verein, der sportliches Schießen anbietet. Vielleicht legt er weniger Wert auf Geselligkeit, nichtsdestotrotz veranstaltet er Schießen und seine Mitglieder schießen in der Oberliga - außerhalb der DSB-Disziplinen - mit.

    Diese Art der Mitgliedschaft ist erstmal generell keine Unternehmensklub, wie es Herr Kohlheim formulierte, sondern einfach nur anders. Anstatt vieler regionaler Matches schießen die Mitglieder hauptsächlich internationale Matches. Dafür benötigt man Geld, welches die Mitglieder in der Woche verdienen, um es dann auf den Sportreisen wieder auszugeben.

    Bei der Tat in Hamm geht es eigentlich um etwas anderes. WARUM ist der Verlassene der Meinung, dass er seine Ex-Partnerin mit Gewalt am Verlassen hindern kann?

    Welches gesellschaftliche Gesamtbild vermittelt uns diese Tat?

    Welche Sozialisation besitzt der Täter, wenn das Verlassen einer Person ihn dazu bringt, gegen das christliche Gebot "Du sollst nicht morden" mehrfach (auch zu sich selbst) zu verstoßen?

    AntwortenLöschen