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Berührungsängste: Jagdliche Nutzung von Halbautomaten

Die jagdliche Nutzung von Halbautomaten ist heute eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Dennoch gibt es eine Reihe von Vorurteilen gegenüber Halbautomaten, die sich bis ins Waffenrecht verirrt haben. Oft beruht Voreingenommenheit auf Unkenntnis.
Halbautomaten und Vollautomaten bzw. automatische Büchsen sind etwas Grundverschiedenes:

1) Bei einem Halbautomaten wird durch den Rückstoßimpuls oder einen Teil des rückwärts geleiteten Gasdrucks einer abgeschossenen Patrone eine neue Patrone in das Patronenlager zugeführt. Die neue Patrone kann aber nur abgefeuert werden, wenn erneut der Abzug betätigt wird.
2) Bei einem Vollautomaten bleibt der Abzug gedrückt und es bedarf keiner erneuten Schußabgabe. Die Waffe schießt so lange, bis das Magazin leer ist (Dauerfeuer) oder so wie sie eingestellt ist, z.B. drei Schuß pro Abzugsbetätigung (Reihenfeuer). Vollautomaten sind verbotene Kriegswaffen.

Ich sage zur Vermeidung von Mißverständnissen dementsprechend lieber "Selbstlader" statt "Halbautomat". Selbstlader finde ich auch deshalb besser, weil der Begriff beschreibt, daß das Gewehr für mich lediglich lädt und darüber hinaus nichts erledigt.
Keine halbautomatische Jagdbüchse, die man in Deutschland kaufen kann, wird als Militärwaffe verwendet (im Gegensatz zu Repetierern mit Mauser-System, deren Herkunft rein militärisch ist, allerdings aus dem 19. Jahrhundert stammt). Und selbst wenn die selben Büchsen auch vom Militär verwendet würden, gibt es keinen sachlichen Grund, sie nicht auch zivil zu nutzen. Der Umstand, dass bestimmte Zielfernrohre auch vom Militär oder Vollzugsbehörden verwendet werden, „kontaminiert“ sie ja auch nicht für den Einsatz durch Sportschützen oder Jäger.
Warum benötigen Jäger überhaupt moderne Halbautomaten? Zunächst ist da der schnelle zweite oder auch dritte Schuß im Anschlag. Der renommierte Schießlehrer Peter Schäfer schreibt in „Schießen mit der Büchse“:

 „Mehrere schnelle Schüsse hintereinander kann jeder Jäger mit einem Selbstlader abgeben ohne aus dem Anschlag zu gehen. Dies muß nicht besonders trainiert werden, da ja mehrere – im technischen Sinne eigentlich überflüsisge Bewegungen, nämlich das Repetieren der Waffe von Hand – entfallen. Aber die Ideologie setzt diesem Waffentyp Grenzen, zumindest in der Bundesrepublik.“

In Deutschland dürfen jagdlich genutzte Halbautomaten nur Magazine mit einer Kapazität von zwei Schuß umfassen. Allerdings dürfen für das Schießtraining am Stand auch Magazine mit einer Kapazität von zehn Schuß erworben und besessen werden.
Das Magazin Pirsch faßt in einem Artikel über Selbstladebüchsen, der auch eine gute Marktübersicht enthält, zusammen:

"Deren Hauptaufgabe bleibt die saubere Erlegung mehrer Stücke aus einem Sozialverband heraus, mit dem großen Vorteil, daß ohne ladetechnische Ablenkung die sozial richtige reihenfolge leichter eingehalten werden kann. Bei jeder Wildart sollten Mehrfach-Abschüsse immer dann wahrgenommen werden, wo sie wildbiologisch begründbar und im betreffenden Revier verantwortbar sowie schießtechnisch machbar sind"

Weiterhin sind moderne Halbautomaten wie z.B. die Heckler & Koch Selbstladebüchse SLB 2000+ nicht nur extrem robust und zuverlässig, sondern auch preiswert und in einer ganzen Reihe von Kalibern erhältlich. Der Verfasser dieses Beitrages nutzt z.B. eine SLB 2000+ im Kaliber 8x57 IS als Drückjagdbüchse mit offenem Visier bzw. Aimpoint-Lichtpunktvisier. Dieses Kaliber läßt sich mit der SLB 2000+, einem selbstreinigenden Gas-drucksystem, sehr angenehm schießen und die Büchse ist unempfindlich gegenüber verschiedenen Munitionssorten.
Einer der Gründe für den Drückjagdeinsatz dieser Büchse ist ihre Führigkeit, die Gesamtlänge beträgt 106 cm (bzw. 107 cm bei 300 Win Mag). Ähnlich kurz sind auch die Selbstladebüchsen von Remington wie das Modell 750 Woodmaster mit 108 cm bzw. der kürzere 750 Woodsmaster Carbine oder die SR1 von Merkel mit ebenfalls 106 bzw. 107 cm. Ähnliche Längen weisen u.a. die Winchester SXR Vulcan (108 cm), die Benelli Argo (105 cm) auf.
Diese Führigkeit macht die Büchse auch interessant für die Ansitzjagd, deshalb nutzte der Verfasser eine SLB 2000+ im Kaliber .308 mit einer Optik von Leupold (4-12 x 50) für enge Kanzeln als Ansitzwaffe (wenn auch zugegebenermaßen selten).
Lange Zeit war die Sicherheit von Selbstladebüchsen ein Nachteil. Dementsprechend schreibt Peter Schäfer zu recht „Die Funktionssicherheit eines Hand-Repetierers kann ein Selbstlader aus technischen Gründen niemals erreichen. Fairerweise muß man aber zugeben, dass es Neuerscheinungen bei den Selbstladern gibt, die selbst in starken Kalibern die alten Halbautomaten an Zuverlässigkeit weit übertreffen“. In diesem Zusammenhang muß man auf die Sicherung der SLB 2000+ verweisen, die – zugegebenermaßen als eine der wenigen Selbstladebüchsen – auf Abzug und Schlagstück wirkt.
Bei den genannten Heckler & Koch-, Merkel- und Remington-Waffen stellt sich sicher nicht die Frage, ob man sich damit „im Revier sehen lassen kann“. Zwar mag es Einladungen geben, auf denen steht „Selbstlader unerwünscht“, aber diese Einladungen sind bei mir auch unerwünscht, denn in dem Moment, wo jemand anfangen will, mir vorzuschreiben, welchen Waffentyp ich nehme, in dem Moment brauchen wir uns auch über andere Themen nicht mehr zu unterhalten – zu gering erscheint mir da die Achtung vor meinem Urteilsvermögen und Verantwortungsbewußtsein. Die genannten Waffen sind als Jagdwaffen konzipiert und sehen wie Jagdwaffen aus. Punkt.
Anders ist das bei ehemals militärischen Waffen oder sogenannten Klonen dieser Waffen. So stellte die wegen ihres Eintretens für die Legalwaffenbesitzer geschätzte Zeitschrift Visier in ihrer September Ausgabe 2009 zwei Selbstlader für den jagdlichen Einsatz vor, die ihre militärische Herkunft nicht verleugnen können: einen Garand von Waffen Werle für unter 1.000 Euro und eine SAR M 41 Nachsuche (G3-Klon) für rund 2.500 Euro. Natürlich ist es legitim, so eine Waffe für die Drückjagd einzusetzen und für Liebhaber der jeweiligen Typen auch absolut nachvollziehbar, aber ich persönlich ziehe eben eine SLB 2000+ für unter 1.110 Euro vor. So eine Waffenwahl rundheraus abzulehnen halte ich für nicht legitim, das ist in meinen Augen Sache des Schützen. Und die Ablehnung mit militärischer Herkunft zu begründen halte ich für noch unberechtigter, weil man dann folgerichtig auch das System Mauser zu Hause lassen müßte und alle Optiken und militärischen Kaliber (also mindestens .223, .308, 30-06, 8x57, .300 Win Mag sowie alle weiteren, die irgendwann militärisch genutzt wurden) und sich schließlich fragen lassen müßte, welches Verständnis man von seiner demokratisch legitimierten Armee hat, wenn bereits eine partielle Ausrüstungsgleichheit mir ihr „unanständig“ ist.
In einem völlig anderen Kontext - nämlich in Norbert Happs Buch "Hege und Bejagung des Schwarzwildes" habe ich in ein gut passendes Zitat zum Tabuthema Selbstlader gefunden:

"Die Selbstladebüchse vereinigt die Vorteile von Doppelbüchse und Repetierer, allerdings dadurch eingeschränkt, daß das Nachladen nach dem dritten Schuß relativ umständlich und zeitaufwändig ist. In Manchen Revieren ist sie zur Drückjagd unerwünscht, obwohl nicht das Werkzeug, sondern sein Benutzer die Qualität des Handelns bestimmt".

Dem stimme ich uneingeschränkt zu - bis auf den vermeintlichen Nachteil, denn für unkomplizierte Abhilfe sorgt ein zweites Zwei-Schuß-Magazin, das man in der Tasche mitführt."
Wer also meint, eine halbautomatische Büchse sei jagdlich nicht brauchbar oder wegen ihrer militärischen Herkunft unpassend, der irrt. Wer schießen kann, kann dies nicht nur mit Repetierern, sondern auch mit Halbautomaten und wer mit Repetierern verantwortungsbewußt handelt, handelt auch mit Halbautomaten verantwortungsbewußt. Wer nicht schießen kann und nicht verantwortungsbewußt handelt, sollte und darf in meinen Augen überhaupt keine Waffe verwenden.


Literatur
- Peter Schäfer: Schießen mit der Büchse. Stuttgart 2001.
- Norbert Happ: Hege und Bejagung des Schwarzwildes. Nach neusten Erkenntnissen vollständig aktualisiert. Stuttgart 2007.
- Sven Helmes: Hauptsache anders. Werle Garand und SAR 41 Nachsuche. In: Visier 9/2009.
- N.N.: Kein Tabu mehr. Waffe und Schuß. In: Pirsch 18/2007.
- Wild und Hund 21/2009, Sonderbeilage 9: Selbstladebüchsen unter der Lupe.