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Remington 700 – Nicht nur ein preiswerter Klassiker

Die Repetierbüchsen der Serie Remington 700 werden seit 1962 hergestellt und haben sich international einen erstklassigen Ruf erworben. Eigentlich ist das Gewehr noch älter und basiert auf einer Überarbeitung der Modelle 721 und 722, die in den 40er Jahren unter Mike Walker entstanden. Die 700er Gewehre werden nach wie vor in zahleichen Varianten und zahlreichen Kalibern angeboten und gelten zu recht als äußerst zuverlässig und robust.
Sie werden seit dem Vietnam-Krieg umfangreich von Militär und Polizei eingesetzt. Laut Remington sind heute über 90 Prozent der polizeilichen Präzisionsschützenwaffen in den USA Remington 700-Varianten. Das US-Heer und das Marine Corps setzen 700-Varianten als M 24 bzw. M 40 Scharfschützengewehre ein.
                                                
M 24
                                               
Die Remington 700-Modelle sind im Vergleich zu den hochwertigen deutschen Firmen Blaser, Mauser, Sauer oder Heym oder auch Steyr Mannlicher-Jagdwaffen preisgünstig. In Deutschland werden die meisten Modelle für unter 1.000 Euro, in den USA sogar teilweise unter 500 US Dollar verkauft.
                  
Selbstbewusst stellt sich die Remington 700 im Katalog vor: „I am the legendary Model 700. I am the standard by which all others are measured and continually fall short.” Ganz Unrecht hat diese Werbeaussage nicht – allerdings bezogen auf bestimmte Preisklassen und Waffenkategorien. Wirklich legendär sind u.a. der über zwei kräftige Warzen im Hülsenkopf verriegelnde Kammerverschluss und die lange Dienstzeit der 700er. So schreibt John Plaster „There can be no question that America’s most popular sniper rifle action is he Remington 700.” – obschon die heutigen militärisch genutzten 700er von Experten der Streitkräfte – z.B. der Precision Weapons Facility der Marines in Quantinco – überarbeitet werden (u.a. neuer Lauf, McMillan-Schaft und Picatinny-Schiene). Hinzu kommen Zweibeine von Harris und Optiken – meist von Leupold für die Army (Mark 4 M3 10x) bzw. für die Marines von Unertl (10x).
                                             
Wenn man zum ersten Mal eine Remington 700 in den Händen hält und deutsche Jagdwaffen gewohnt ist, erscheinen einem die Remingtons äußerst schlicht, um nicht zu sagen primitiv und wenig erstrebenswert: Meist harte Kunststoffschäfte, kein Handspannsystem, meist lediglich Abzugssicherung, keine deutschen Kaliber, in der Regel Verzicht auf jegliche Visiereinrichtungen, meist integrierte Magazine, die die Ladetätigkeiten und vor allem das Entladen erschweren, keine Möglichkeit für Wechselläufe, hohe Abzugsgewichte, die vom Büchsenmacher verringert werden müssen, wenn dazu die Waffen ausgeschäftet werden müssen (US-Produkthaftung), oft kein freischwingendes Rohr und fast immer Kammerstängel mit großem Spiel – weit entfernt vom den bekannten „Gleiten wie auf Schienen“ einer Sauer. Man nimmt sie in die Hand, schaut wieder auf die deutschen Waffen daneben und bleibt dabei – auch wenn die das Zwei- oder Dreifache kosten. Aber irgendwann braucht man eine zusätzliche Waffe, die preisgünstiger sein soll z.B. für die Raubwildjagd (wenn man sonst „nur“ eine 9,3 x 62 oder ähnliches führt) oder für eine spezielle Reise unter rauen klimatischen Bedingungen, oder für größeres Wild als üblich oder für weitere Distanzen oder einfach zum preisgünstigeren Training mit hohen Schußzahlen. Und dann denkt man daran, wie viele Remington 700 Dienst in den Streitkräften oder Behörden der USA leisten und was das für ihre Zuverlässigkeit heißen muss. Oder man denkt an das legendäre Image von Remington, speziell der 700. Das ist ähnlich wie bei der Winchester 70. Die Serie Remington 700 ist ein Markenmythos. Irgendwann sollte man eine geschossen oder besser noch selbst besessen haben. Und dann kauft man endlich eine. Der Verfasser hatte im Waffengeschäft in Deutschland gelegentlich eine Remington 700 in die Hand genommen, aber nie gekauft – auf der Jagd oder auf dem Schießstand sind ihm nie welche begegnet. Als es dann eine Waffe zum Verbleib in einem oft besuchten Jagdland sein sollte, für das ebenfalls eine waffenrechtliche Erlaubnis vorlag, da musste es eine Remington sein. Keine Repetierbüchse vom Flintenhersteller Browning (X- oder A-Bolt), keine von den Revolverherstellern Ruger (Hawkeye) oder Smith & Wesson (I-Bolt) und keine vom Unterhebelrepetierexperten Marlin (XL-7), die alle um die 1.000 Euro konkurrieren. Das hat das Marketing Team von Remington in den letzten 50 Jahren gut hinbekommen.
                                                       
Wegen der Modellvielfalt (gegenwärtig über 20 Modellreihen mit jeweils zahlreichen Kalibern, d.h. rund 150 unterschiedliche Waffen) ist es unmöglich, auf das gesamte lieferbare Programm einzugehen. Deshalb werden im Folgenden einige Modelle vorgestellt.
                                
Remington 700 BDL: Dieses Modell ist als klassische Jagdwaffe konzipiert und verfügt heute wie alle neuen 700er über das neuste Abzugssystem X-Mark Pro Trigger. Sie ist erhältlich in 243 Win, 270 Win, 7 mm Rem Mag, 30-06 und 300 Rem Ultra Mag. Das Gewehr verfügt als eines der wenigen in der 700er Serie über Kimme und Korn und einen Holzschaft.
                    
Remington 700 SPS (Special Purpose Synthetic): Die 700 SPS ist eine preiswerte Jagdwaffe mit Kunststoffschaft in den Kalibern 17 Remington Fireball, 223 Rem, 243 Win, 270 Win, 270 WSM, 7mm-08 Remington, 7mm Rem Mag, 7mm Remington Ultra Mag, 30-06, 300 WSM, 300 Win Mag, 308 Win und 300 Rem Ultra Mag. Bei dieser Waffe liegt das System direkt auf dem Kunststoffschaft auf. Diese Waffe wird neu hin und wieder bei egun für bis zu 600 bis 800 Euro angeboten und bestimmt damit heute faktisch die untere Preisgrenze. Die SPS gibt es auch als Stainless-Version, mit herausnehmbaren Magazin (700 SPS DM), als Jugendversion mit kürzerem Schaft und als Linksversion.
                                    
Remington 700 Police: Die Büchsen der Serie Police sind primär für den Law Enforcement-Markt entwickelt und deshalb in den entsprechenden Kalibern 223, 308, 300 Win Mag und 338 Lapua Mag erhältlich. Sie verfügen über Matchläufe, eine Aluminium-System-Bettung und einen Schaft aus glasfaserverstärktem Kunststoff, der von vorne breit und ideal zum aufgelegten Schießen ist. Das Abzugsgewicht ist auf 1.800 Gramm eingestellt, lässt sich aber bei ausgeschäfteter Waffe bis auf rund 700 Gramm reduzieren. Alle Metallteile sind matt gehalten. Die Waffe in 338 verfügt über eine Rückstoßbremse und weist damit eine Gesamtlänge von 121,5 cm auf (66 cm Lauflänge plus 5 cm Bremse). Nach Exportschwierigkeiten 2009/2010 wird die Remington 700 Police heute wieder in Deutschland verkauft (z.B. Triebel, Frankonia, ACP Waffen). Police-Modelle sind in letzter Zeit vereinzelt für unter 1.500 Euro verkauft worden. Das dwj fasst zusammen (Basis ist die 338): „Der Käufer bekommt eine präzise und sehr robuste Büchse für den harten Einsatz auf weite Distanzen“.
                           


                                            
Remington 700 SPS Varmint: Hierbei handelt es sich um Jagdbüchsen mit schwerem Lauf und Kunststoffschaft, die speziell für die Jagd auf kleines Raubwild (Varmints) vorgesehen ist. Sie ist dementsprechend erhältlich in den Kalibern 17 Rem Fireball, 204 Ruger, 22-250 Rem, 223 Rem, 243 Win und 308 Win. Es gibt eine Linksversion und eine Version mit Schichtholzschaft. In den Katalogen steht sie für knapp unter 1.000 Euro.
                                  
Remington 700 Tactical Long Range: Diese Waffe ist als Scharfschützen- bzw. Präzisionsschützenwaffe speziell für weitere Entfernungen vorgesehen. Sie verfügt über ein freischwingendes Rohr und ist erhältlich in den Kalibern 223 Rem, 300 Win Mag und 308 Win. Einzelne Tactical Long Range sind für rund 1.400 am Markt gesehen worden.
                                    
          Remington 700 Tactical Long Range
                
                           
Remington 700 VTR (Varmint Tactical Rifle): Es handelt sich um eine Art Hybrid aus der SPS Varmint und der Tactical Long Range mit kurzem, außen dreieckigen Lauf Lauf (Gesamtlänge der Waffe 1.058 mm) und einer Rückstoßbremse in 223 oder 308. Es gibt die Waffe für rund 1.200 Euro in den Katalogen. Das Gewehr wiegt 3,4 Kg. In einem dwj-Bericht wird das Schussverhalten als angenehm („geringer Hochschlag“) und die Waffe als genau („ihre Präzision liegt für eine Repetierbüchse dieser Preisklasse im Spitzenbereich“).
                         
Remington 700 XCR (Xtreme Conditions Rifle): Hierbei handelt es sich um eine Jagdbüchse für den Einsatz unter extremen klimatischen Bedingungen. Sie verfügt über einen Hogue-Schaft und einen Korrosionsschutz (TriNyte-Technologie). Die Kaliber sind: 25-06 Rem, 270 Win, 7 mm-08 Rem, 7 mm Rem Ultra Mag, 30-06, 300 WSM, 300 Win Mag, 300 Rem Ultra Mag, 338 Rem Ultra Mag, 338 Rem Ultra Mag, 338 Win Mag, 375 H&H und 375 Rem Ultra Mag.
                      
Remington 700 XCR Compact Tactical: Dies ist ein Hybrid aus der Tactical Long Range-Büchse und der Xtreme Conditions Rifle in 223 Rem oder 308 Win.
                   
Remington 700 Sendero SF II: Die Sendero ist ein äußerst präzises Jagdgewehr für Magnum und Ultra-Magnum-Kaliber mit freischwingendem, gefluteten Lauf in 264 Win Mag, 7mm Remington Mag, 7mm Rem Ultra Mag, 300 Win Mag und 300 Rem Ultra Mag. Das Sendero wurde in einer ersten Version 1993 eingeführt.
                     
Remington 700 CDL Boone and Crockett: Diese Waffe gibt es in den Kalibern 243 Win, 7 mm-08 Rem, 270 Win, 30-06, 7 mm Rem Mag, 300 Win Mag, 270 WSM und 300 WSM. Sie wird mit Schichtholzschaft hergestellt.
                    
McMillan fertigt Spezialschäfte für die 700er Serie, z.B. in Tarnfarben oder für Scharf- bzw. Präzisionsschützeneinsätze, Jewell fertigt auf die 700er Serie zugeschnittene Abzüge an, die bis auf 45 Gramm eingestellt werden können und für die vollflächige Bettung des Systems bei Holzschäften gibt es so genannte Pillar-Bettungs-Schrauben. Dieses Zubehör ist z.B. bei Heinz Henke erhältlich. Generalimporteur für Remington ist Helmut Hofmann.
                                              

Die Präzision der SPS, die der Verfasser schoss war nicht besonders beeindruckend, die Präzision der Police allerdings schon. Das Preisverhältnis beträgt allerdings zwischen beiden Waffen auch ungefähr 2:1. Wenn die Waffe nicht aufgelegt geschossen wird, stört jedoch die Verbreiterung des Vorderschaftes. Als ebenfalls sehr präzise, jedoch außerordentlich führig erwies sich die 700 XCR Compact Tactical. Deshalb fiel die Wahl des Verfassers auf diese Waffe. Die Militärkaliber 308 und 223 eignen sich für kurze Sturmgewehrläufe und stellen auch für den 51 cm Lauf dieses Repetierers kein Praxisproblem dar. Zusammen mit einem leichten Leupold-Glas spürte man sie außerdem kaum über der Schulter. Hochschlag und Rückstoß sind beim Kaliber 223, auf das die Wahl fiel, zu vernachlässigen.
                   
Die Marketingexperten von Remington haben mit ihrer Benennung der 700er Serie und der Vermischung von Premium und Mid Price-Büchsen sehr ambivalent gehandelt. Zwar färbt der legendäre Ruhm der bekannten und herausragenden 700er wie z.B. der Police oder der Sendero etwas auf die preiswerteren Modelle ab. Diese sind jedoch nicht in der Lage, dieses Versprechen einzulösen und enttäuschen den auf den Markenmythos vertrauenden Schützen. Obwohl es traditionell eine Tiefpreislinie gibt (ab 1967 das Modell 788, ab 2001 das Modell 710 und heute die 770), ist die die Qualitäts- und Preisdifferenz der 700 immer noch extrem groß. Bezeichnend ist, dass nicht nur US Army und Marine Corps ihre Remington 700er überarbeiten, sondern dass die Überarbeitung dieses Systems auch für den ambitionierten Sportschützen oder Jäger längst selbstverständlich ist – etwa von Robar, McMillan, AWC oder Brown Precision. Selbst in den Frankonia-Katalog – und damit in den jagdlichen Mainstream hat sich eine von Christensen Arms überarbeitete 700 eingenistet (u.a. neuer Carbonschaft, neuer Matchlauf und mit 2,4 Kg sehr leicht für rund 5.600 Euro).
             
Unzweifelhaft ist die Remington 700-Serie äußerst robust und zuverlässig. Nicht nur ihre militärische Verwendung bezeugt dies, sondern auch die hohen Stückzahlen, die davon seit über 40 Jahren verkauft werden. Bewährte Präzisionsmodelle wie Police oder Sendero leisten zudem auch Erstaunliches, sind aber deutlich teurer als die einfachen 700er – erst recht, wenn sie überarbeitet werden müssen (Abzug). Um eine preiswerte Büchse für besondere Zwecke zu kaufen, ist die Remington 700 die erste Wahl des Verfassers – allerdings gemeinsam mit der neuen Winchester 70 (seit 2008 wird die vierte Generation mit Schlagbolzensicherung und neuem „MOA“-Abzug hergestellt und für rund 950 Euro verkauft). Die bewährten deutschen Jagdwaffen mit ihrer in der Regel größeren Anpassungsfähigkeit (z.B. Laufwechsel, Kaliberauswahl), ihrer besseren Sicherheitsparameter (Handspannung, Sicherung) und ihrer subjektiv als schöner empfundenen Anmutung als primäre Jagdwaffe wird sie nicht ersetzen.
                  
Noch ein Wort zu Streukreisen: In „Passion“, der (gelungenen und lesenwerten) Werbezeitschrift von Zeiss, Blaser, Mauser, Sauer und RWS, hat irgendein leitender Mitarbeiter erklärt, warum er nichts von Streukreisangaben hält. Sinngemäß sagte er, jagdlich seien sie nur dann relevant, wenn sie an ganz verschiedenen Tagen unter verschiedenen klimatischen Bedingungen und Tageszeiten ermittelt würden. Recht hat er. Obschon wir als Kenndaten für Munition auch „Papierzahlen“ angeben, weil man verschiedene Kaliber unter sonst gleichen Bedingungen durchaus hinsichtlich Gasdruck, Mündungsgeschwindigkeit, Mündungsenergie sowie diesen Werten nach 100 oder 200 Metern vergleichen kann, verzichten wir auf Streukreisangaben. Zu unterschiedlich ist der jagdliche Anschlag – insbesondere dann, wenn man sich nicht auf den sitzend aufgelegten Schuss von der Kanzel beschränkt, sondern pirscht und angestrichen, auf Dreibein oder Zweibein oder aufgelegt schießt – ganz wie es das Gelände und das Wild erfordern. Das aber ist beim sportlichen, auch jagdsportlichen Schießen natürlich anders.

               
Literatur
- D. Guthanss: Günstige Einsteiger. Jagdrepetierer unter 1.000 Euro. In: dwj 11/2009.
- H.J. Heigel: Vielseitig. Repetierer Remington 700 VTR. In: dwj: 5/2009.
- H.J. Heigel: Für den US-Alltag. Frühe Zylinderverschlussrepetierer. In: dwj: 2/2009.
- N. Klups: Mit taktischem Vorteil. Remington 700 Police. In: dwj 7/2008.
- R. Marcot: Remington. Geschichte und Waffen. Stuttgart 2006.
- S. Perey, M. Fischer: SPS = Starke permanente Schussleistung. Remington 700 SPS Varmint und Tactical. In: Caliber 3/2008.
- J. Plaster: The Ultimate Sniper. Boulder 2006.


Artikel Gunreports 700 XCR
Artikel American Rifleman 700 VTR
Internetseite von Remington: Katalog Download