Survivalism und Preparedness

Die Vorbereitung auf einen mysteriösen „Tag X“ ist seit dem Zerbrechen des Warschauer Paktes, dem Nichteintreten des Jahr 2000-Disasters und schließlich dem Ausbleiben einer auf den Einzelnen durchschlagenden Weltwirtschaftskrise wie 1929 etwas aus der Mode gekommen jedenfalls als Breitenbewegung in den USA und in Europa oder als staatlich oder halbstaatlich alimentierte Struktur (z.B. der weitgehend ausgestorbene Zivilschutz). Diese Bewegung hat in verschiedener Hinsicht durchaus auch Anlass zur Kritik gegeben. Unzweifelhaft ist der grundsätzliche Gedanke der Vorbereitung auf Krisenszenarien aber nach wie vor berechtigt.
Wenn man nur ein paar persönliche und private Erlebnisse der letzten Jahre berücksichtigt, findet man leicht eine ausreichende Anzahl von Beispielen für die Vorzüge der Vorbereitung:
- Die Winternacht alleine mitten auf der Autobahn im Stau bei -10 Grad
- Die regnerische, windige und kalte Nacht, in der die Deutsche Bahn einen mit vielen anderen Fahrgästen wegen des Wirbelsturms Kyrill irgendwo im Nichts der ICE-Station Limburg Süd mitten in der Nacht aus dem Zug wies.
- Der Tag, als die Heizung mitten im Winter ausfiel und man mit seinen Kleinkindern plötzlich im Dunkeln und in der Kälte saß und sich nicht traute einzuschlafen, damit keines von ihnen unterkühlt
     
    


Nicht berücksichtigt sind hier Erlebnisse in fernen (Jagd-)Reiseländern, in Einsatzgebieten oder harten Ausbildungssituationen von Soldaten oder individuelles Gefahrenerleben, z.B. beim Verschüttetsein, unter gegnerischem Beschuss, beim Bootskentern oder drohenden Kältetod.
An dieser Stelle soll – angesichts eines DAX-Standes von 7.000 Zählern und einem offenbar gut laufenden Weihnachtsgeschäft – auch nicht darüber spekuliert werden, wie sich ein Zusammenbruch des Euros, eine Zahlungsunfähigkeit einiger unserer größeren westlichen Volkswirtschaften, eine längere Unterbrechung von Gaslieferungen aus Russland oder ein weltweit durchschlagender militärischer Konflikt wie der zwischen Nord- und Südkorea auf uns auswirken würde. Mag sein, dass wir all das im Warmen mit einer Tüte Chips und einem Bier im Fernsehen verfolgen könnten, mag sein, dass wir darunter leiden würden.
Für so manchen unserer Freunde in den USA oder im südlichen Afrika sind Plünderungen, brandstiftende Mobs, unberechenbare Elektrizitäts- oder Wasserversorgung und Unwetter keine Fiktion, sondern eines dieser Phänomene war mehrfach im Leben gegenwärtig.
Lassen Sie uns festhalten, dass das sich grundsätzliche Beschäftigen mit Vorbereitungen für Notfälle sinnvoll ist und – ein gesundes Maß an Realismus vorausgesetzt – das „normale“ Leben nicht belasten oder beeinträchtigen muss.
Wenn wir grundsätzlich sagen, Preparedness – so wollen wir diese Einstellung im Folgenden ohne Anknüpfung an irgendwelche Vorbilder oder Organisationen nennen – ist sinnvoll, dann müssen wir uns auch fragen, wie und auf was wir uns vorbereiten wollen und können. Im Folgenden soll deshalb eine lose Folge von Beiträgen dazu erscheinen.
An dieser Stelle nur Folgendes: Grundsätzlich kann Preparedness auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau das Folgende umfassen:

- Schutz vor Kälte (insbesondere bei Heizungsausfall)
- Versorgung trotz Elektrizitätsausfall (Kochen, Licht)
- Versorgung bei Nahrungsengpässen (Weg zu und/oder Verkaufsstellen geschlossen)
- Schutz vor Feuer und Unfällen im häuslichen Umfeld
- Schutz des Hauses und seiner Bewohner vor steigender Kriminalität
         
Hinsichtlich der besonderen Vorbereitungen im Winter, die einige dieser Themen beinhalten, erklärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe beispielsweise: „Bei Winterwetter können auch regionale bzw. lokale Stromausfälle nicht ganz ausgeschlossen werden. Da viele öffentliche und private Dienstleistungen von der Verfügbarkeit von elektrischem Strom abhängen, kann es bei einem möglichen Stromausfall zu Versorgungsproblemen kommen: So können Herd und Heizung ausfallen, Trinkwasser kann vorübergehend nicht verfügbar sein und das Telefon kann zeitweise nicht funktionieren. … Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt bei Winterwetter grundsätzlich, die privaten Lebensmittelvorräte, notwendige Medikamente sowie Bargeld zu Hause so vorzuhalten, dass eine autarke Versorgung für die Familie für drei bis vier Tage auch ohne größere Einkäufe gewährleistet werden kann. Dabei sollte bedacht werden, dass im Falle eines längeren Stromausfalls Speisen, Getränke und Wasser durch eine stromunabhängige Wärmequelle (z.B. Camping-Gaskocher) erwärmt werden müssten.“
   
  

 
Zum Schutz vor Kälte und zur Versorgung bei Elektrizitätsausfall haben wir für andere Zusammenhänge bereits Texte veröffentlicht:
 
- Jagd im Winter
- Outdoor-Ausrüstung: Licht, Wärme, Nahrungszubereitung
  
Im Hinblick auf Nahrungsmittelengpässe erklärt das Bundesamt: „Für alle Fälle sollte jeder Haushalt einen Vorrat an Lebensmitteln und Getränken für ein bis zwei Wochen anlegen. Bei der Auswahl sollte darauf geachtet werden, dass die Esswaren auch ohne Kühlung länger gelagert und (z. B. bei einem Stromausfall) auch kalt gegessen werden können. Bei Katastrophen, besonders aber in einem Verteidigungsfall, muss auch mit einer Störung der Wasserversorgung oder sogar mit einer Verseuchung des Trinkwassers gerechnet werden. Der Mensch kann zwar unter Umständen drei Wochen lang ohne Nahrung, aber nur vier Tage ohne Flüssigkeit leben. Deshalb gehört zu jedem Notvorrat unbedingt eine ausreichende Menge Flüssigkeit. Zur Deckung dieses Bedarfs eignen sich Mineralwasser, Fruchtsäfte oder sonstige länger lagerfähige Getränke. In unserer Checkliste finden Sie Tabellen, in denen der tägliche Bedarf eines Menschen an Nahrung und Getränken wiedergegeben ist. Bitte denken Sie hierbei auch an evtl. erforderliche Spezialkost, z. B. für Diabetiker, oder an Babynahrung. Auch zum Haushalt gehörende Tiere sollten bei der Bevorratung berücksichtigt werden.“
          
Wohltuend wenig ist von obskuren (und vermutlich ekelhaft schmeckenden) speziellen Vorräten die Rede und statt dessen von dem, was man üblicherweise ißt.
Angesichts der derzeitigen politischen Großwetterlage wäre es allerdings zeitgemäßer, den großen Verteidigungsfall mit Angriffen auf das deutsche Staatsgebiet wegzulassen, aber davon abgesehen, bleibt der Hinweis aktuell. Es gibt ja auch Umwelt- und Naturkatastrophen, Extremwetter, Epidemien etc. Um auf Vorräte angewiesen zu sein, reicht es, wenn man als Alleinstehender eine Weile lang zu krank ist, um das Haus zu verlassen, oder wenn man als Alleinerziehender ein krankes Kind betreuen muss und deshalb nicht das Haus verlassen kann, oder, wenn man wegen eines harten Wintereinbruchs und einer größeren Entfernung zur nächsten Einkaufsstelle nichts kaufen kann. Es gibt viele weitere Gründe. Mir selbst ist ein vergleichsweise banaler Fall in Erinnerung, als mein Ehepartner an H1N1 (umgangssprachlich „Schweinegrippe“) erkrankt war und ich ihn und meine kleinen Kinder mehrere Tage versorgen musste, ohne das Haus verlassen zu können (wir waren sozusagen in Quarantäne).
Für diesen Fall hatte ich Vorsorge getroffen, in dem ich eine große Menge Getränke gekauft und in zwei „Chargen“ eingeteilt hatte (Limonade, Mineralwasser und Bier wird nicht so bald schlecht und mit diesem System schon gar nicht). Immer, wenn die erste Charge – sechs Kästen Wasser, drei Limonade und zwei Bier – verbraucht war, habe ich sie komplett neu gekauft. Verbraucht habe ich dann aber nicht diese neue (die dritte), sondern die übrig gebliebene zweite. Auf diese Weise stand schlimmstenfalls immer eine komplette Charge zur Verfügung – meistens aber mehr als das. Genau dieses Verfahren habe ich mit Grundnahrungsmitteln wie Nudeln, Reis, Marmelade, Kekse, Kindernahrung etc. und einigen oft nachgefragten Konservendosen angewendet. Da es sich um Lebensmittel handelt, die wir ohnehin verwenden, habe ich kein Geld für Notrationen, Travellunch oder irgendwelche anderen nicht alltagstauglichen und oft bestenfalls fade schmeckenden Lebensmittel ausgegeben, die bestenfalls nach zwei, drei Jahren unversehrt auf dem Müll landen.
                          
Der Schutz vor Feuer und Unfällen im häuslichen Umfeld ist weit weniger aufwändig, als die Nahrungsmittelfrage, obschon nicht umsonst. Sagen wir, Sie haben zu Hause zwei Stockwerke und jeweils mehrere potenzielle Brandquellen, z.B. einen Heizungsraum, eine Küche, einen Ofen oder Kamin und vielleicht im Garten einen Grill oder eine Feuerstelle. Und sagen wir, Sie haben Kinder, die in eigenen Zimmern schlafen. Wenn Sie für jedes der beiden Stockwerke einen Feuerlöscher kaufen (Pulver) und an einer, allen bekannte Stelle anbringen, sowie in Küchennähe (Fettbrände) noch eine Löschdecke sowie in den Schlafzimmern VdS-zertifizierte Rauchmelder (insbesondere bei kleineren Kindern in Ihrem eigenen Zimmer eine Zentralstelle, die Sie alarmiert, wenn es bei den Kindern brennt), dann haben Sie vergleichsweise wenig ausgegeben (insbesondere im Verhältnis zum Einbruchschutz), aber ein wirklich annehmbares Schutzniveau geschaffen. Sie sollten noch ein paar Gedanken in Fluchtwege investieren und sich z.B. nicht so einschließen, dass niemand von Innen her die Wohnung oder das Haus schnell verlassen kann, wenn es notwendig ist. Und wenn Sie jetzt noch eine Art Probealarm auslösen, wo jeder sich aus seinem Zimmer oder von einem anderen Aufenthaltsort im Haus aus ins Freie begeben muss (das kann insbesondere mit Kindern auch Spaß machen), dann sind Sie in Brandschutzdingen ganz gut vorbereitet.
Wie wäre es jetzt noch, wenn Sie nicht nur spätestens alle zwei Jahre, besser jedes Jahr, Ihren Erste Hilfe-Kurs auffrischen und einigermaßen taugliches Sanitätsmaterial im Hause (und im Auto und ggf. bei sich) haben? Wenn Sie zum Schießen gehen oder erst Recht auf einer Jagdreise, kaufen Sie doch auch Verbandsmaterial und andere Kleinigkeiten und machen sich mit deren Gebrauch vertraut, weil Sie sich vielleicht mit einer Verletzung oder Verwundung alleine helfen müssen. Warum bauen Sie das nicht etwas aus und halten an zentraler Stelle eine leicht nutzbare Tasche für den schnellen Zugriff bereit (und nicht nur ein paar Pflaster und Mullbinden irgendwo in einem Apothekenschrank neben all den abgelaufenen Medikamenten, die man so hat).
                          
Schließlich haben Sie vielleicht schon einmal Ihren Schlüssel von innen stecken lassen. Wenn ja, haben Sie vielleicht gestaunt, wie schnell der Schlüsseldienst trotzdem bei Ihnen hineinkam. Aber spätestens, wenn sie eines der Opfer der 113.800 Einbrüche 2009 (davon 48.401 Tageswohnungseinbrüche) sind, werden Sie das Thema Schutz des Hauses und seiner Bewohner vor steigender Kriminalität für wichtig halten. Die örtlichen Gegebenheiten sind so unterschiedlich, dass es dafür nur individuelle Lösungen geben kann und viele Maßnahmen sind auch schlicht teuer. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass „Hosenträger und Gürtel“ die richtige Strategie sind, sich zu schützen, also mehrere Schwerpunkte aus den Bereichen: Licht/Bewegungsmelder, bauliche Absicherung mittels Gittern, Türverstärkungen, Zusatzschlössern oder neuen, zertifizierten Türsystemen, Einbruchmeldeanlagen und Einsatz eines Hundes. All diese Maßnahmen leisten Ihnen nicht erst am „Tag X“ einen wertvollen Dienst, wenn „eine Horde Hungerleider Ihr Haus stürmen will“, sondern sie helfen gegen die ganz realistische Gefahr, Opfer eines dieser wahrscheinlich rund 100.000 Krimineller zu werden, die gerne Ihren Fernseher, Ihren Schmuck und Ihr Bargeld oder auch Sie selbst aus der Nähe betrachten würden.
        
Das hier Beschrieben hat herzlich wenig mit einer Vorbereitung auf „den Tag X“ zu tun und verschwendet auch nicht ihr Geld. Ganz ohne materielle Vorbereitung geht es nicht und nur das „richtige Mind-set“ zu entwickeln reicht nicht aus, wenn sie ohne Strom, Wasser und Licht zu Hause sitzen und darauf warten, dass der Pizza-Dienst doch noch in der Hochwasser-Zone oder im tiefsten Winter ausliefert.

Verweise
- Outdoor-Ausrüstung 1
- Outdoor-Ausrüstung 2