Heute sollte es auf Warzenschweine gehen. Man konnte nicht in dieses Gebiet fahren, ohne sie zu jagen. Die Fußpirsch an geeigneter Stelle verlief jedoch schwierig. Zwar sahen wir massenhaft Schweine, jedoch viele weibliche und viele junge Keiler. Einen guten Keiler sah ich, bekam ihn frei und wollte schießen, aber es war gesichert. Er sprang ab. Dummer Anfängerfehler. Ich musste selbst über mich lachen.
Im Laufe dieses Tages habe ich konservativ geschätzt mindestens 100 Schweine gesehen. Schließlich war der Morgen vorüber und wir wollten Mittag machen. Pieter ging zurück den Wagen holen und der Ranger und ich gingen weiter voraus bis zu einem Treffpunkt. Wir querten eine riesige Grasfläche und sahen wieder viele Warzenschweine, jedoch keine reifen Keiler. Als wir am Ende angekommen waren und auf Pieter warteten, konnten wir vor uns doch noch zwei Stück ausmachen, die passten. Sie standen halbspitz auf etwa 130 m. Einer war zu jung und einer war sehr alt. Er wirkte schon etwas abgekommen. Die Schweine musterten uns. Der Ranger nickte und ich schoss. Ich traf meinen Keiler wieder ins Herz. Aufgrund seiner Position drang die Kugel weiter längs durch den Körper und nach hinten aus. Er sprang ab und lief rasend schnell ins Grasland zurück. Das war eine der schnellsten Fluchten, die ich überhaupt gesehen hatte. Wir warteten eine Viertelstunde und gingen dann hinterher. Es gab eine breite, deutliche Schweißspur, die den Herztreffer und Durchschuss verriet. Wir fanden ihn nach rund 40 Metern im Gras. Ein Zahn war oben abgebrochen, aber das tat meiner Freude keinen Abbruch. Ich hatte ihn selbst ausgemacht, gut geschossen und er war ein alter Kämpfer und zäher Kerl gewesen. Wir brachten ihn zum Camp und versorgten ihn.
Das Warzenschwein (Phacochoerus africanus) gehört zu den echten Schweinen
Damit ich noch meine schöne Trophäe bekam, wollte Pieter, dass ich nachmittags noch ansitze. Ich reiße mich nicht um einen Ansitz. In Afrika schon gar nicht. Aber ich dachte, er ist enttäuscht, wenn ich nicht seiner Ortskenntnis vertraue. Der Warzenkeiler den ich hatte war für mich völlig ausreichend.
Unweit eines Flüsschens saß ich also mit dem Ranger in einer Bodensenke. Pieter war zum Camp gefahren. Das Gelände gefiel mir nicht. Es gab zu viel Wasserläufe und Tümpel, die überraschend im hohen Gras auftauchten. Der Boden war feucht und der Bewuchs meist verkrüppelt. Ich langweilte mich rasch. Ich gebe zu, dass ich ab und zu träumte oder mich mit anderen Sachen beschäftigte, als dem aufmerksamen Beobachten des Vorfelds. Ich starrte gerade gedankenverloren auf den Boden vor mir, als ich einen schlanken, silbrig grün glänzenden Körper wahrnahm, der auf mich zu kroch. Eine Schlange. Egal, was auch immer ich zuvor über das richtige Verhalten gelesen hatte. Ich sprang mit meinem Gewehr in der Hand mit einem einzigen gewaltigen Satz rückwärts. Der Ranger, der im Schatten gedöst hatte, betrachtete mich erstaunt. Er sprach vielleicht zehn Worte Englisch. „A snake, a snake“ rief ich. Er glotzte mich an, starrte dann in die Richtung wo ich gesessen hatte und wiederholte unsinnigerweise „A snake“ und „Get outta here“. Er verdrückte sich ebenfalls schnell auf einen sicheren Felsen. Die Schlange schoss unglaublich schnell ins Gebüsch und der Schwarze warf ihr Steine hinterher und beschimpfte sie in einer Sprache, die ich nicht kannte. Wir verließen den Ansitzplatz. Hinterher sagte er zur Begründung nur „Bad snake“.
Eigentlich begann die Regenzeit erst demnächst und deshalb sollte es noch kaum Schlangen draußen geben. Aber im Busch können natürlich immer welche sein. Mir war jedenfalls klar geworden, dass das Hauptproblem nach einem Schlangenbiss nicht nur war, schnell zum Arzt zu kommen (das wäre in diesem Park nicht möglich gewesen), sondern auch der Schlange habhaft zu werden, weil man mit dem falschen Gegengift auch schwer gesundheitlich beeinträchtigt werden konnte. Die richtige Wahl ergab sich aber nur aus der genauen Bestimmung der Schlange. Abgesehen davon, dass ich sie so schnell nicht erkannt hatte, wäre es wohl auch schwierig gewesen, sie nach einem Biss zu verfolgen und zu töten, um sie mitnehmen zu können.
Pieter erwartete uns an der vereinbarten Stelle, war nur mäßig beeindruckt und wollte, dass wir woanders weiter ansitzen. Diesmal sollte es an einem Tümpel sein, in dem allerdings Krokodile waren. Ab und zu hörte man das Plätschern dieser Tiere, die sich im bräunlichen Wasser verborgen hielten, bis sie eine Beute wahrnahmen. Ich saß rund eine Stunde dort an und konnte wieder rund 20 Schweine sowie Kudu und Impala ausmachen. Endlich kam ein Keiler, der jedoch frontal zu mir stand und sich nicht breit zeigen wollte. Ich schoss ihn auf 80 m in den Kopf. Pieter war recht zufrieden. Sagte aber, ich hätte noch etwas höher schießen sollen. Zwischen die Augen. Er wurde jetzt anspruchsvoll, dachte ich. Das Geschoss hatte den Schädel und die Wirbelsäule durchschlagen und auch dieses Wild an den Platz gebannt. Der Jagdtag war zu Ende und ich genehmigte mir zwei mäßig warme Windhoek Lager aus der Kühlbox. Ich trinke nie, so lange gejagt wird.
Wir fuhren zurück zur Farm, versorgten ihn und legten so eine Art Strecke. Man sah jetzt, wie kräftig der letzte Keiler im Vergleich zu meinem ersten an diesem Tag war. Ich war sehr zufrieden. Es waren vier schöne Tiere und ich hatte sie sehr sauber geschossen. Wir fuhren ein paar Stunden über staubige Pisten und Straßen zurück zur Jagdlodge. Im Radio hörten wir eine Sendung, bei der Geld für den Schutz von Nashörnern vor Wilderei gesammelt wurde. Die starke Dezimierung dieser Tiere durch einheimische Wilderer steht ausschließlich im Zusammenhang mit asiatischen Kunden, die Rhinohorn wegen seiner angeblichen medizinischen Wirkung nachfragen. Von unseren westlichen "Tierschutzorganisationen", die den Kampf gegen die Auslandsjagd führen, hört man dazu freilich nichts. So etwas läßt sich nicht gut genug "verkaufen".
Bushbuck
Jetzt stand nur noch ein Wild auf meiner Liste und ich hatte noch einen Jagdtag Zeit: Der Bushbuck. Er ist nicht nur extrem vorsichtig und scheu, sondern auch zäh und wehrhaft. Verwundet nahm er den Jäger an und hatte erst vor wenigen Wochen einen Berufsjäger durch einen Stich ins Bein schwer verletzt.
Wir fuhren erst auf das Land eines anderen Farmers und später, als wir dort erfolglos gewesen waren wieder auf das Land von Marinus’ Vater. Marinus selbst wollte mich heute begleiten. Wir pirschten noch vor sieben Uhr los. Ich war früh aufgestanden, weil mich die Insekten nicht hatten schlafen lassen. Mir schien es, als lebe das ganze Strohdach. Im Badezimmer saßen (allerdings harmlose) Spinnen und Eidechsen. Einige Stechtiere waren offensichtlich nachtaktiv wie ich morgens an den frischen Stichen merkte und man hörte zudem ständig Geräusche umherlaufender Kleintiere, obwohl meine Hütte auf Stelzen stand. Müde war ich aber dennoch nicht.
An diesem Morgen wurde mir nichts geschenkt. Wir pirschten rund 5 Stunden zu Fuß. Erst mit einem Spurensucher, dann alleine. Es war nichts zu sehen, gar nichts. Die Luft stand und es war sehr heiß. Noch nicht einmal andere Tiere, außer den unvermeidlichen Bamboons konnte man sehen. Wir wollten sie mehrfach schießen, aber sie verschwanden zu schnell und standen zu weit weg. Ich würde ihnen irgendwann mehr Aufmerksamkeit widmen, hatte ich doch entlang einer Plantage mehrere Ansitzmöglichkeiten gesehen, die die Farmer dort angelegt hatten.
Mittags fuhren wir rein. Es hatte keinen Sinn bei dieser Hitze und selbst ich sah das ein. Wir wollten um vier Uhr wieder raus, aber natürlich stand ich schon um drei bereit, so dass wir früher aufbrachen und noch volle drei Stunden für eine weitere intensive Fußpirsch hatten. Marinus erwartete mich am Auto. Thomas, ein schwarzer Farmarbeiter hatte angeblich zwei Böcke am Fluss gesehen. Dort war eigentlich gar kein Jagdgebiet, sondern der Rand von Feldern, verunziert mit alten und neuen Bewässerungsanlagen, Müll und Gerümpel sowie Resten von Maiskolben, die die Affen massenhaft dorthin verschleppt hatten. Kein Wunder, dass die Farmer sie kurz hielten. Das Ufer war abschüssig und bröckelte. Im bräunlichen Wasser tummelten sich Fische und Schlangen. Mein Vorhaben, irgendwann dort zu angeln, gab ich insgeheim auf. Zwei, drei Meter vom Ufer weg, war dichter Busch, den man kaum durchdringen konnte. In den folgenden drei Stunden krochen und gingen wir durch diesen Busch und zwar mehrfach flussauf- und flussabwärts. Das war körperlich recht fordernd.
Es wurde immer später und später und endlich sahen wir einen Bock auf etwa 150 m stehen. Das Zweibein hatten wir längst irgendwo zurückgelassen und Marinus, der unbedingt noch einen Jagderfolg haben wollte, trieb mich an, mich schussfertig zu machen. An dem unbewachsenen, abschüssigen Ufer, an dem wir standen war nicht an Anstreichen oder irgendwo Auflegen zu denken. Das mittelgroße Harris-Zweibein lag in meinem Rucksack im Auto. Marinus wollte, dass ich über seine Schulter anlege. Ich tat es, obwohl es eine dumme Idee war. Erstens konnte man sich an dieser Stelle nicht ruhig genug halten, um als „Auflage“ zu dienen und zweitens konnte ich mich auch dahinter kaum sinnvoll platzieren. Ganz zu schweigen davon, dass der Lauf auflag. Ich schoss jedenfalls und fehlte. Das war ja zu erwarten. Der Bock sprang natürlich ab und wurde nicht mehr gesehen. Ein Impala habe ich nach einem Fehlschuss wiederkommen sehen, einen Bushbuck würde aber wohl nie einen solchen Fehler machen.
Stur blieben wir dennoch einige Zeit dort sitzen. Thomas war aber mindestens so stur wie ich. Er hatte zwei Böcke gesehen. Also musste sich noch einer finden lassen. Es war mittlerweile viertel vor sechs und wurde langsam dunkel. Thomas verschwand im Gebüsch. Nach einer Viertelstunde tauchte er wieder auf. „Hurry up“. Die Aufregung stand in sein Gesicht geschrieben. Er hatte den zweiten gefunden. Wir folgen durch den Busch. Krochen, gingen gebückt, liefen. Aufpassen, dass die Mündung nicht im Dreck ist. Auf was steht die Vergrößerung. Ist die Waffe noch gesichert. hatte ich nachgeladen. Wir kamen an den Platz, von wo aus Thomas den Bock gesehen hatte. Schweißnass und ausgepumpt kniete ich mich neben ihn. Der Bock stand noch. Auf rund 120 m. Eher etwas weiter. Er war auf unserer Uferseite, ein ganzes Stück stromaufwärts. Marinus sagte, ich solle wieder über seine Schulter schießen. No. No way. Dann liegend. Auch das nicht. Ich kniete mich hin und legte den Ellenbogen der abziehenden Hand etwas hinter die Kniescheibe auf (hart auf weich). Ich dachte, dass sei unter diesen Umständen meine einzige Chance auf einen Treffer. Marinus schwieg dazu. Ins Ziel gehen. Schuss. Das Abziehen war eine Sache weniger Sekunden. Verdammt, der Bock zeichnete stark. das war ein Treffer in die Wirbelsäule. dann ging er ab. Er verschwand im Busch. Es war jetzt beinahe dunkel. Marinus meinte auch, ich hätte die Wirbelsäule angekratzt. Wir würden ihn nachsuchen müssen. Wir hatten nur noch eine Viertelstunde genug Licht. Ich war nicht begeistert. Marinus meinte auch „That is a dangerous thing.“ Erst am Nachmittag, während meiner unfreiwilligen Pause hatte ich einen Artikel in einem südafrikanischen Jagdmagazin über den Bushbuck gelesen. Angeschweißt wehrte er sich mit seinem Gehörn und konnte im dichten Busch gefährlich werden. Am letzten Abend hier irgendwo im Busch abgestochen werden war nicht das, was ich mir wünschte. Marinus rief Pieter an. Er war aber noch unterwegs und wir mussten los. „A dangeous thing“ wiederholte er und stellte sich an die Spitze unseres Nachsuchetrupps. Dahinter kam Thomas, der sich mit der kleinen Klinge eines Leatherman-Tools bewaffnete. Ich gab ihm mein Alpha Two Klappmesser von Pohlforce, damit er eine größere Klinge hatte. Mein Gewehr war für solche Aktionen denkbar ungeeignet, ich hatte keine Visierung auf dem endlos langen Lauf, nur die Optik mit dreifacher Vergrößerung als kleinster Einstellung. Als wir ungefähr auf der Höhe, wo der Bock gestanden hatte ins Gebüsch gingen, waren meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Es war jetzt dunkel und wir schoben uns langsam unter dem dornigen Gebüsch hindurch. Blickten hierhin und dorthin und erwarteten ständig das Zusammentreffen mit dem angeschweißten Tier. Weiter und weiter Richtung Ufer. Es war kaum etwas zu sehen. Im Geiste fluchte ich wie verrückt. Marinus schrie plötzlich erleichtert. Da lag er. Er rührte sich nicht mehr. Schussbereit ging er hin. Der Bock war tot. Ich sah eine große Erleichterung in den Gesichtern der beiden Männer. Von mir selbst fiel die Anspannung nicht so schnell ab. Marinus war ganz begeistert. Ich hatte ihn aus dieser ungünstigen Position auf’s Blatt getroffen. Herz und Lunge waren durchschossen. Keine Ahnung, warum er so untypisch gezeichnet hatte. „A monster. That is a monster“ betonte er immer wieder. Tatsächlich war das Gehörn enorm. Ich kannte wenige Vergleiche, aber die beiden waren ganz glücklich. „A monster. A giant“ hörte ich immer wieder. und „A good shot“. Mich beeindruckte, dass diese beiden Männer vor mir gegangen waren, um ihren Jagdgast zu schützen.
Der männliche Buschbock (Tragelaphus scriptus) kann bis zu 80 Kg
schwer und bis zu 110 m (Schulterhöhe) groß werden.
Wir schleppten den Bock zum Auto. Er schweißte jetzt stark, als er angehoben wurde. Als wir angekommen waren, kam wenig später auch Pieter mit schwerem Gerät. Er sah verdammt ernst aus, bis er hörte, dass wir ihn gefunden hatten. Auch er war jetzt sichtlich erleichtert. Er hatte einen seiner Hunde, Gerät zum Zerschneiden des dichten Busches, starke Taschenlampen und die schwere .458er Büchse mit ausreichend Munition mit. Wir standen um die Autos herum auf dem Feld, tranken warmes Bier und waren ganz glücklich. Der Bock wurde vermessen und zeigte 16,5 Inch. Er war tatsächlich ein Gigant. Der größte, der in diesem Jahr geschossen wurde. In den letzten Minuten des letzten Tages. Über eine vergleichsweise weite Distanz und aus einer ungünstigen Schussposition. Ich war aber nicht stolz, sondern erleichtert. Jetzt lag er tot auf der Ladefläche. Die Sonne ging unter und wir fuhren zurück. Diesen Abend werde ich nie vergessen.
- Jagderlebnisse in Südafrika (1)
- Jagderlebnisse in Namibia/Südwestafrika
- Auslandsjagd in Afrika: Nachhaltig für Wild und Bevölkerung
- Literatur zur Jagdreise nach Südafrika
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen