Bewaffnete Selbstverteidigung und die “Friedensdividende”

Gastbeitrag
Mit dem Artikel „Recht auf Selbstverteidigung“ hat das JagdWaffenNetz eine Diskussion losgetreten, der ich mich stellen möchte. Ich habe den Beitrag am Erscheinungstag gelesen und den ganzen Abend darüber nachgedacht, weil ich mich gerade in einer Situation befinde, in der ich für meine Sicherheit teuer bezahlen muss, obwohl wir ja eine Polizei haben. Ich bin nicht einverstanden mit besagtem Artikel. Ich verstehe zwar die explizite Intention des Autors, auf das Ungleichgewicht zwischen wahrgenommener Bedrohung durch Legalwaffen und tatsächliche Kriminalität hinzuweisen, aber ich teile nicht die darin geäußerte Meinung, man soll nicht den Waffenbesitz zur Selbstverteidigung anstreben. Am Tag darauf stellte ich nachfolgenden Beitrag fertig. Ich denke, es ist eine gute Sache, dass er, obschon polarisierend, im JagdWaffenNetz erscheint. Denn das muss ich sagen, das bedeutet wirklich einen Diskurs zu führen.

Als der Warschauer Pakt zusammenbrach endete das gegenseitige Wettrüsten in Europa und der Welt, das bis dahin mit dazu beigetragen hatte, dass keine Seite sich sicher genug fühlte, einen Angriff gegen die andere Seite zu unternehmen. Zwar nahm jede Seite irrationalerweise an, die anderen bedrohten sie, jedoch herrschte bei den Entscheidungsträgern beider Seiten die rationale Auffassung vor, dass aufgrund dieses „Gleichgewichts des Schreckens“ ein Angriff selbstmörderische Züge tragen müsste. Das Ende des Wettrüstens und der gewaltigen Wehrpflichtarmeen brachte das ein, was man danach „Friedensdividende“ nannte – das eingesparte Geld konnte für andere Dinge aufgewendet werden als für Sicherheit
                                      
Leider ist es für den Privatmann heute anders. Statt dessen lassen staatliche Institutionen und der politische Wille darin nach, Gewaltkriminalität und Kriminalität allgemein systematisch, konsequent und wirkungsvoll zu bekämpfen und sich neuen Phänomenen zu widmen wie, um nur einige Beispiele zu nennen, der erstarkten Organisierten Kriminalität seit der Grenzöffnung gen Osten, der Jugendgewalt, auch und gerade der mit Migrationshintergrund, der gezielten Verfolgung Homosexueller auf der Straße in vielen Großstädten, der sich anhaltend bekämpfenden Rockergruppierungen oder der weiter steigenden Zahl von Brandstiftungen an Privatfahrzeugen.
Natürlich bekleckern sich auch Justiz und Politik nicht komplett mit Ruhm. Ein einziges Beispiel reicht, um das zu verdeutlichen: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat vor drei Monaten die deutsche Praxis für Unrecht erklärt, gefährliche Gewalttäter nach Verbüßen der Freiheitsstrafe in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. Im Ergebnis sind oder werden rund 80 Kinderschänder, Mehrfachvergewaltiger und Mörder in die Freiheit entlassen. Die Behörden halten sie – und diese Bewertung treffen sie nur sehr, sehr schwer – für nach wie vor gefährlich und lassen sie nach ihrer Entlassung rund um die Uhr von Polizisten überwachen. Das ganze kostet rund 50.000 Euro die Woche und – Sie haben es sich sicher gedacht – eine anlasslose Kontrolle der Wohnung ist nicht vorgesehen. Ironie bei Seite: Das Urteil ist drei Monate alt und was machen unsere Justizpolitiker? Die Ideen reichen von einem luxuriösen Sondergefängnis (CDU) über die elektronische Fußfessel (FDP) bis hin zur Aufrechterhaltung der Sicherungsverwahrung (CSU). Geschehen ist nichts. Wie schnell wurden noch die Waffenrechtsverschärfungen nach Winnenden beschlossen (gegen unbescholtene Bürger wohlgemerkt)?
                            
Gleichzeitig wird der einzelne Bürger in seiner Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, immer wirkungsvoller eingeschränkt. Die Apologeten der Waffenfeindlichkeit entfernen noch die letzte .22 lfb oder verrostete 08 aus den Privathaushalten und propagieren, dadurch ein Plus an Sicherheit erreicht zu haben. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben für den unbescholtenen Bürger Unsicherheit hergestellt. Diese Entwaffnung der Deutschen hat noch nicht einmal eine Friedensdividende eingespielt wie in dem historischen Vergleich. Im Gegenteil. Wenn Sie sich schützen wollen, zahlen Sie dafür. Natürlich zahlen Sie über Ihre Steuern gleich noch einmal, um die ganzen Exekutivbeamten zu alimentieren, die Ihnen kaum helfen können.
                      
Lassen Sie uns nicht über etwas Schwieriges reden, wie den Umstand, dass sie bestimmte Orte in Großstädten zu bestimmten Uhrzeiten nicht mehr betreten können. Als ich als Austauschschüler in den 80er Jahren in den USA war, hat mir mein Gastvater bereits beim ersten Heimfahren vom Flughafen erklärt, in welchen Stadtteilen ich nichts zu suchen hatte. Aus Sicherheitsgründen. Das kam mir damals komisch vor, aber ich habe es auf Auslandsreisen später wiederholt erlebt, zuletzt in Südafrika: Wir holen Sie vom Flughafen ab und bringen Sie zum Hotel. Betreten Sie nicht folgende Gegenden … Inzwischen schmunzele ich nicht mehr, weil in meiner eigenen Heimatstadt mitten in Deutschland das gleiche gilt. Ab einer gewissen Uhrzeit nimmt man einfach das Taxi, nicht die U-Bahn, weil die zu unsicher ist. Natürlich kostet das Taxi bis zu mir nach Hause über 20 Euro und die U-Bahn nur rund drei Euro. Aber sie fährt durch ein paar schlechter beleumundete Stadtviertel und Bekannte und ich selbst hatten bereits einige negative Erlebnisse. Also zahlt man eben das Taxi.
           
Jetzt zu meinem Haus. Ich habe zwei Töchter und eine Frau. Meine Frau ist als Schülerin Opfer eines Einbruchs geworden. Der Täter drang damals in ihr Zimmer ein. Gott sei Dank, ohne ihr etwas zu tun. Aber sie ist ängstlich geblieben (da fällt mir ein, welches Aktionsbündnis und welche kirchliche Stiftung kümmert eigentlich um traumatisierte Opfer "normaler" Kriminalität?) Ich bin meistens erst spät am Abend aus dem Büro zurück. Oft auf Dienstreise. Irgendwer in dieser Gesellschaft muss ja arbeiten und Geld verdienen. Unser Wohnort ist ein so genannter besserer Wohnort. Wir sind dorthin gezogen, weil ich meine Familie nicht länger dem Umfeld unserer alten Wohnung aussetzen wollte. Dort waren innerhalb von etwas über fünf Jahren die Straßenkriminalität und Clanstrukturen entscheidend geworden. Natürlich verfiel der Wert unserer Eigentumswohnung und das kostete mich rund 20.000 Euro (Kaufpreis im Vergleich zum Verkaufspreis – die Wohnung selbst war aufgrund Renovierung, neuer Einbauküche etc. eigentlich wertvoller geworden). Schlimmer war aber, dass ich kaum noch guten Gewissens spät nach Hause kommen konnte. Zuletzt hatte ich einmal eine Gruppe jugendlicher Randalierer zurückweisen müssen, die in meine Wohnung drängen wollten, als ich ein paar von ihnen auf das Rauchverbot im Treppenhaus hingewiesen hatte.
                      
Nun gut, wir zogen in das neue Haus. Etwas weiter draußen. Relativ teuer für mich. Gute Gegend. Vermeintlich sicherer. Ich steckte noch eine Menge Geld in das Haus: Ich renovierte es, brachte die ganze Anlage auf Vordermann und bezahlte eine Menge Handwerker. Am teuersten aber war der Schutz meiner Familie. Wie ich später erfuhr, war in jedem Haus um mich herum in den letzten fünf Jahren eingebrochen worden. Gerade erst vor weniger als zwei Wochen rund hundert Meter unterhalb von uns. Drei Mann, sagen wir Mal so, robuste Südländer hatten das Ding durchgezogen. Einer klingelte vorne und stand dann Schmiere, zwei Mann sind hinten herum und haben die Terassentüre aufgehebelt. Nichts Außergewöhnliches.
                    
Was tun mit drei Frauen im Haus? Ich ließ den Berater von der Sicherheitsfirma kommen, dann Vertreter einiger weiterer Unternehmen. Um es kurz zu machen, ihre Hinweise kosteten mich über 30.000 Euro. Wofür? Für jedes vergitterte Fenster zahlte ich mit Montage rund 1.500 Euro. Für die Sicherung eines Fensters oder der Terassentüren mit Pilzkopfsicherungen rund 400 Euro, für eine neue Haustüre und eine Hintertüre der Schutzklasse 2 rund 4.000 Euro und für eine Alarmanlage mit wenigen Sensoren, einem Außenalarm und der Weiterschaltung zu einer Sicherheitszentrale 3.000 Euro und monatlich rund 30 Euro. Und dann kaufte ich noch einen Zaun, bei dem mich der laufende Meter rund 100 Euro kostete. Das Haus hatte einen unschönen Festungscharakter bekommen. Aber wissen Sie, was der Berater sagte? Er sagte „Jetzt haben Sie eine Grundsicherung, eine Einbruchhemmung. Keine Einbruchverhinderung“. Und dann erklärte er mir, was die einzelnen Schutzklassen zu bedeuten haben. Mit meiner Stufe 2 an der Türe konnte ich allenfalls einen Gelegenheitstäter beeindrucken, der nur ein Werkzeug hatte. Schon bei zwei Werkzeugen war Schluss.
                
Das einzig wirklich sichere in meinem Haus war der in der Wand verankerte Waffenschrank der Klasse A mit Innenfach Klasse B für Munition. Dafür zahlte ich noch einmal 500 Euro. Zwar kann ein Einbrecher mir jederzeit den Schlüssel abpressen, wie er auch die Geheimzahl meiner EC-Karte erpressen kann oder das Schmuckversteck meiner Frau. Aber das Wichtigste ist: Meine Frau und meine erwachsenen Töchter können nicht an meine Jagdwaffen, eine Bockflinte (in vielen Ländern nicht einmal registrierungspflichtig), eine lange Repetierbüchse mit 60 cm-Lauf und einen kleinkalibrigen Revolver für die Fallenjagd. Die Polizei des Kreises, in dem ich lebe, hat sich auch schon dafür interessiert: Sie wollten Nachweise, wie es um die Sicherheit meiner Waffen bestellt war. Ich musste den Schrank mehrfach fotografieren (inklusive seiner Verankerung). Nicht wissen wollten Sie, wie es um meine Sicherheit oder um die der drei Frauen bestellt war. Wie groß die Fürsorge allgemein mir gegenüber ausfiel hatte ich schon zwei Mal festgestellt. Einmal hatten so genannte Jugendliche meinen Wagen verbeult. Damals hatte der zuständige Kommissar gesagt, ich hätte ja auch vermutlich irgendwie provoziert, weil ich mit einem neuen Wagen vorgefahren war (einem Kombi, auf den ich als Jugendlicher schwerlich neidisch gewesen wäre übrigens) und außerdem wären die Jugendlichen Harmlos und in ihren Heimtaländern herrschten eben schwierige Verhältnisse. Ein weiteres Mal wollte mich ein Jugendlicher morgens sehr früh auf der Straße mit einer Eisenkette zusammenschlagen, als ich zum Bahnhof ging. Natürlich war das mein Problem, wenn ich unbedingt um die Uhrzeit draußen sein musste. Wie sagten meine Nachbarn noch: Man muß ja da auch nicht so früh herumlaufen.
              
Jetzt stellen Sie sich vor, da ist meine Frau in dem Haus alleine bzw. ihre über 70-jährige Mutter ist dabei und vielleicht noch unsere Töchter. Und weil wir in dem schönen, sicheren Deutschland leben, wo die Rechte eines unbescholtenen Bürgers mehr gelten als alles andere, dürfen sie abwarten, ob die Einbruchhemmung Täter lange genug aufhält oder sie überhaupt einen Einbruch mitbekommen, um die Polizei rufen zu können, die dann über 10 km anreist, anstatt sich auch mit Waffen zur Wehr setzen zu können. Und wenn ich zu Hause sein sollte und es greift uns jemand an, gehe ich dann erst einmal in den Keller, nehme den Schlüssel, öffne den Schrank, nehme den Revolver hervor, öffne den Munitionsschrank, nehme die Munition heraus und stecke die Patronen in die Trommel? Vergessen Sie es, auch ohne, dass ich jetzt demnächst noch die biometrische Sicherung überwinden muss. Das dauert viel zu lange. Und natürlich ist das auch nicht erlaubt. Bewaffnete Notwehr, wo kommen wir denn da hin. Ich darf die Waffen ja noch nicht einmal aus dem Schrank nehmen, wenn ich damit keinen Zweck erfülle, für den ich sie bekommen habe, wenn ich alleine zu Hause bin. Erlaubt ist nur: Reinigen, Fahrt zur Jagd und zum Büchsenmacher oder Schießstand. Das war’s. Ich werde mir noch einen Hund kaufen und hoffen, dass er zwar effektiv genug ist, Angreifer abzuschrecken und ihnen entgegenzutreten, aber uns nichts tut und von uns noch beherrschbar ist. Die Hauptsache ist doch, dass wir uns nicht mit Schusswaffen wehren dürfen, nicht wahr, denn das macht unser Land sicherer.
                 
Aber leider helfen uns die Gitter und der Hund und all das teure Zeug nichts auf der Straße. Meine Töchter gehen wie alle jungen Mädchen gerne aus. Auch meine Frau und ich gehen ab und zu aus. Ich trinke dann gerne ein Bier und bezahle die über 20 Euro für die Heimfahrt, weil ich nicht auf dem Nachhauseweg zusammengeschlagen werden möchte. Meine Töchter? Nun ich kann sie ja jeweils bringen und abholen (sie haben noch keinen Führerschein). Das muss mir diese Freiheit wert sein, in der wir hier leben. Wahrscheinlich aber sollten wir diese Kultur ändern. Frauen müssen ja auch nicht alleine ausgehen.
                  
Ich denke, wir sind da angekommen, wo sie in den 80er Jahren in den USA waren: Man kann ganze Stadteile nicht mehr betreten, passt sein Sozialverhalten seinem Sicherheitsbedürfnis an und bunkert sich zu Hause in besseren Wohnvierteln ein. Alternativ kann man sich natürlich vergewaltigen, überfallen, zusammenschlagen lassen. Nur wehren, davon wird abgeraten. Der Täter könnte sonst die Waffe, falls man eine hat, gegen einen richten und einen gleich noch mal vergewaltigen, berauben oder zusammenschlagen.
                        
Aber einen Unterschied gibt es schon noch: Mein Gastvater hatte eine Schrotflinte verfügbar. Die durfte ich nicht anfassen. Aber er und meine Gastmutter, so hat er mir glaubhaft erklärt, sie könnten damit jederzeit einen gegen uns gerichteten Angriff, z.B. im Falle eines Einbruchs, wirkungsvoll abwehren. Ich habe mich zu Hause damals sicherer gefühlt, als heute.
                    
Aber jetzt sind wir ja in Deutschland. Ich habe noch Kontakt zu meinen Gasteltern von damals. Neulich tauschten wir wieder E-Mails aus, das geht ja so einfach heute. Ich erzählte ein bisschen, von der geplanten Waffensteuer, den anlasslosen Kontrollbesuchen und der allgemeinen Hysterie gegen privaten Legalwaffenbesitz. Mein Gastvater von damals, ein amerikanischer Primitivling mit Diplom in Volkswirtschaftslehre und Presbyter seiner Gemeinde, antwortete auf meine lange Mail mit nur einem Wort. Aber das umfasste alles, was ich zu den Legalwaffenrestriktionen in diesem Land auch finde: „Nuts“.