Es war Dienstag 6 Uhr morgens und ich stand hinten auf einem Toyota Land Cruiser Geländewagen und blickte links und rechts der Piste in den Busch. Das frühe Aufstehen und das noch vom Flug vorhandene Schlafdefizit waren vergessen gewesen, sobald wir die Straße verlassen hatten und in den Busch gefahren waren.
Die beiden Vortage waren anstrengend gewesen. Am Sonntag früh angekommen, von Windhuk einige Stunden Fahrt zur Farm mitgemacht, dann die Waffe noch zur Kontrolle geschossen (zur Kontrolle von Waffen, Optik und Munition – aber auch zur Kontrolle wie ich schoß) und bereits die erste Fahrt ins Revier unternommen.
Montag war es zum ersten Mal mit dem schwarzen Berufsjäger Paulus und dem schwarzen Fahrer und Spurenleser Hesekiel auf Pirsch in den Busch gegangen. Schon um 8 Uhr hatten wir einen Oryx gesehen und uns auf rund 100 m an ihn herangearbeitet. Halbrechts von ihm stand ein anderer Oryx. Paulus hatte genickt und das Dreibein leise aufgestellt. Ich hatte geschossen und den Oryx hochgehen gesehen. Er hatte sich dann umgedreht und war mit ca. 20 m weiter in den Busch verschwunden.
Von links nach rechts: Ich, Paulus, Hund
Nachsuche
Eine der härtesten Nachsuchen, die ich erlebt habe, hatte sich angeschlossen. Einige Meter im Busch war ein mittelgroßer runder Schweiß(Blut)fleck zu sehen gewesen, etwa wie der Durchmesser eines Fußballs. Aber später waren nur noch wenige Schweißtropfen am Boden und manchmal an Blättern in Höhe von ca. 1,50 m zu finden gewesen und auch nur sehr wenige. Wir waren den ganzen restlichen Montag, mit einer Pause am Mittag, auf Nachsuche im Busch. Erst Paulus, Hesekiel und ich, später dann mit dem weißen Berufsjäger und Farmbesitzer, dem Deutschen John (Johann) mit seinem Rhodesian Ridgeback, dem wir zum Teil im Laufschritt gefolgt waren, soweit das möglich war. Es war 30 Grad warm gewesen, kein Lufthauch hatte sich gerührt und nach und nach hatten die verschiedenen Dornen mir, dem Neuling, in Hände, Rücken und Oberschenkel geschnitten und mein Hemd zerrissen. Meine Waffe, einen schweren Mauser M03 Repetierer in .300 Win Mag mit Matchlauf, trugen wir abwechselnd. Nur an diesem Tag habe ich sie als schwer empfunden, an allen anderen Tagen spürte ich das Gewicht gar nicht, das mir am Schießstand in Deutschland recht hoch vorgekommen war, um damit stundenlang herumzulaufen. Am Ende des Montags hatte ich den Eindruck, mehr geblutet zu haben, als der Oryx. Ich konnte die Bäume und Büsche nicht gut genug auseinander halten und fürchtete fälschlich die langen Dornen mehr als die kleinen mit Widerhaken. Wenn ich dachte, ich finde einen guten Durchschlupf, stolperte ich in ein bindfadendickes Spinnennetz. Und wenn ich kroch um unter den Dornen durchzuschlüpfen, kniete ich ab und zu in Dornen (wobei mich ein zu Hause belächelter Knieschoner aber schützte). Als es dunkel geworden war, hatten wir abbrechen müssen. Der Abend war mit Essen, Waffe reinigen, Ausrüstung wiederherstellen und der Desinfektion der kleinen Wunden vergangen. Meine Füße waren wieder einmal blutig gelaufen, aber in den ausgezeichneten Meindl-Stiefeln hat mich das zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt. Beim Einschlafen hatte ich zuletzt an den Oryx gedacht. Ich hatte mich und die anderen beim Probeschießen überzeugt, genau und sorgfältig aufs Blatt gezielt, meinte, gut abgekommen zu sein und trotzdem war der Oryx weg und lief jetzt irgendwo da draußen rum oder war ins Wundbett gegangen. Ich hatte sehr schlecht geschlafen.
Nachsuche 2
Jetzt aber war Dienstag und wir würden ihn schon finden. Es ging wieder mit den Dornen los, wobei ich schon etwas geschickter zu sein schien und wir liefen wieder 3,5 Stunden. Die Schweißflecke, die ich zuletzt ohnehin nicht mehr gesehen hatte, verschwanden unweit der letzten Sichtung vom Montag. Die beiden Schwarzen hatten sie natürlich noch gesehen, insbesondere Hesekiel, ein sehr schweigsamer Buschmann, und mir gezeigt. Als die Schweißspuren verschwanden, gingen wir weiter den Trittsiegeln nach, was nicht leicht war bei dem harten Boden und dem zum Teil dichten Bewuchs. Dann haben wir schließlich auch diese Spur verloren und das Gelände systematisch weiter durchsucht mit Methoden, die ich kannte wie dem Kreisen um die letzte Sichtung und auch solchen, die ich nicht kannte. Um 10 Uhr meldeten wir uns bei John. Wir wußten nicht weiter, hatten die letzte sichere Spur vor Stunden gesehen und wir gingen davon aus, daß der Oryx nicht ins Wundbett gegangen war, sondern noch am Abend aus unserer Reichweite gelaufen war. Die Farm war nicht wilddicht gezäunt und so konnte er überall sein. Ich hoffte, er würde es schaffen. Ich weiß bis jetzt nicht, was schief gegangen war.
Schakal
Entsprechend geknickt saß ich wieder auf dem Geländewagen. Meine beiden Begleiter redeten zwar so gut wie nicht und wenn hauptsächlich in einer ihrer Sprachen, aber sie waren von John exzellent ausgebildet worden und haben wohl bemerkt, daß es mir nicht gut ging. Plötzlich hatten wir Sichtung auf einen Schakal. Paulus fragte erst, veranlaßte mich dann, ihn zu erlegen. Ich streckte ihn auf 100 m durch einen Zaun. Er zeichnete stark, drehte sich um die eigene Achse und mit einem schnellen zweiten Schuß lag er. Wir gingen hin. Der Treffer war sauber.
Oryx 2
Wir begannen wieder zu pirschen. Ein Oryx. Schlecht zu sehen durch das ganze Buschwerk. Oryx. Ich wollte nicht so recht. Es konnte ja auch ein weniger schußhartes Tier sein. Paulus ließ das nicht gelten. Er hatte etwas gesehen, das ich nicht sofort gesehen hatte. Der Oryx hatte eine Verwachsung von der Größe und Form eines American Footballs, die ihn nach links geneigt gehen ließ. Ein klarer Hegeabschuß. Die Frage war nur, ob ich dazu in der Lage war.
Wir pirschten näher an ihn heran, bis wir gutes Schußfeld hatten und mittlerweile schon bei 80 m bei ihm waren. Dreibein raus, ins Ziel gegangen. Schuß. Der Orxy zeichnete leicht, ging langsam 5 m und fiel um. Er bewegte sich nicht mehr. Wir gingen zu ihm. Ein sauberer Treffer. Wir führten Hesekiel mit seinem Fahrzeug nach und luden ihn zu dritt auf die Ladefläche.
Abnormer Oryx
Pirschen
Nach dem Mittagessen fuhren wir wieder raus. Erst verbrachten wir eine Stunde am Ansitz, ich wollte unbedingt einen Warzenkeiler erlegen und aufgrund des Bewuchses wird selbst von Jägern mit sehr strengen Grundsätzen zum Thema der Ansitz auf Warzenschweine als richtige Bejagungsart aufgefaßt. Ich habe nichts gegen die Ansitzjagd, aber ich habe in diesen Tagen die Pirsch lieben gelernt. Paulus mußte ich das erst erklären, denn ich glaube, er hatte aufgrund früherer Jagdgäste eine größere Trophäenerwartung angenommen, nachdem wir ein paar Mal Tiere verloren hatten, meistens, weil ich mich falsch bewegt hatte. Eine Trophäe ist gut. Aber ein schönes Jagderlebnis ist für mich viel besser. Ich hatte niemals zuvor die Möglichkeit, dies stundenlang in einem hochinteressanten Gelände zu tun und wollte jede Möglichkeit dazu auskosten. Irgendwann begriff er das, nachdem ein Tier abgesprungen war. „Gut“, hatte ich gesagt, „Pirsch sehr gut“. Er hatte genickt und gesagt „Das ist Jagd“ und ich glaube, da dachten wir das gleiche und habe hoffentlich auch etwas Druck von diesem allerdings reifen und erfahrenen Berufsjäger genommen.
Abgesehen davon sah ich in dieser einen Stunde so unendlich viel von der namibischen Tierwelt und beobachtete die Interaktion mehrerer von Bachen geführter Rotten, Rangkämpfe von Frischlingen, und angeberische Jungkeiler. Wir erlegten jedoch nichts, weil kein wirklich reifer Keiler dabei war. Dann pirschten wir wieder zu Fuß. Nichts. Es wurde spät. Wir fuhren in Richtung einer großen Wasserstelle, in deren Richtung sich jetzt auch Tiere bewegen dürften. An Wasserstellen war es nicht knapp, nicht nur weil der Farmer für die Rinderzucht eine gigantische Pionierarbeit mit Brunnen und Dämmen geleistet hatte, sondern auch, weil die Jahreszeit natürliche Wasserstellen größeren Ausmaßes stehen ließ.
Am Kudu
Wir saßen vom Fahrzeug ab und gingen wieder in den Busch. Eine Art Damm mit nur geringem Bewuchs erlaubte einen Blick ins Gelände. Wie immer natürlich eine Möglichkeit, die sorgfältig genutzt werden mußte. An einem anderen Tag hatte ich beispielsweise geduckt und durch hohes Gras gegen Sicht geschützt, nach einer sorgfältigen Fußpirsch fünf Oryx gesehen. Sie standen etwa 300 m entfernt und ich nahm das Pirschglas, mein Steiner Ranger 8 x 30 zur Hand. Als ich durchblickte, sah ich, daß drei der fünf mich direkt anblickten. Nicht in meine Richtung blicken meine ich, sie blickten mich selbst an.
Vom Damm aus sahen wir jetzt jedenfalls jetzt einen Kudubullen, der sich auf uns zubewegte. Er schien mir gigantisch groß zu sein. Beeindruckend. Wir mußten ran. Es würde bald dunkel sein. Wir gingen gedeckt durch den Damm seitlich an ihm vorbei und arbeiteten uns an einer anderen Stelle auf ihn zu. „Rechts umfassen“, hätten Soldaten das genannt. Es gelang. Näher und näher kamen wir ran. Irgendwo war aber Schluß. Wir hatten rund 130 m freie Fläche vor uns. Ich mußte leicht gedeckt etwas bergab schießen. Aber mein Selbstvertrauen war wieder voll da. Dreibein raus. Ins Ziel gehen. Schuß. Der Kudu fiel wie ein gefällter Baum. Bewegte sich aber noch. Ich schoß nach. Wieder getroffen. Er lag still. Ehrfürchtig gingen wir langsam zu ihm hin. Ein Riesentier. In den Büchern hatten sie ohne Maßstab nicht so groß gewirkt. Eine riesige Trophäe. Wie benommen ging ich um das Tier herum. Es begann zu dunkeln. Ich konnte mich von der Situation nicht trennen und wurde von Paulus und Hesekiel aus der Träumerei gerissen. Richtig, wir mußten das Tier heimbringen. Buchstäblich jedes bißchen Fleisch wurde gegessen. Deshalb wurde ein zweiter Schuß auch nicht übermäßig geliebt und das Abfangen mit Kalter Waffe war, wenn möglich, die bessere Alternative. Wir mußten bei dem Riesentier die Seilwinde aufbauen. Sie wurde von vorne über eine Umlenkrolle über das Wagendach nach hinten gelenkt. Die rückwärtige Stahlrohrwand des Fahrzeugaufbaus wurde herausgenommen und als Rampe benutzt. Das Riesentier verursachte eine Mordsplackerei und obwohl ich Hesekiel und Paulus so gut es ging half und aus Leibeskräften an den Läufen des Tiers zog, brauchten wir eine ganze Weile. Der feuchte Boden hatte mich völlig verdreckt. Auf der Rückfahrt im Dunkeln drehte ich mich immer wieder zu dem Kudu um. Ein Riesentier. Wir luden ab und Paulus und Hesekiel zerwirkten das Tier. Ich stand im Dunkeln bei ihnen, bis sie fertig waren. John kam eine Weile mit seiner Frau dazu. Ich half ihnen nicht sehr viel, ich denke, das wäre ihnen nicht recht gewesen und ich wollte nicht, daß sie denken, ich würde ihre Aufgabe nicht respektieren oder so etwas ähnliches. Schließlich erhielten die Männer, die ihn zerwirkten auch die Innereien. Ich half ihnen nur mit meinem Messer aus. Ich beobachtete aber jeden Schritt. Erst als das letzte Fleisch in der Reifekammer, die Innereien aufgeladen waren und die beiden verschwanden, ging ich.
Das Waschen und Umziehen zum späten Abendessen blieb oberflächlich. Aber ich wollte nicht eine Minute dieses extremen Tages verpassen.
Kudubulle, 7 Jahre alt
Anmerkung
Wer die Jagd grundsätzlich kritisiert, wird auch diese Jagderlebnisse und Gedanken kritisieren. Sei es so. Nirgendwo aber hat der Verfasser bisher eine größere Berechtigung der Jagd kennen gelernt. Das Fleisch und die Innereien werden gegessen. Auch das Fleisch von reiferen Keilern und Bullen und auch Innereien, die ich nicht essen würde. Das Fell wird auch verwendet und die Trophäen bekommt der Verfasser nach Hause geschickt, wenn sie an Ort und Stelle präpariert worden sind. Diese Jagd ist nachhaltig und sehr selektiv und sie gibt Arbeit. Paulus und Hesekiel können nicht lesen und Büroangestellte werden oder beim weit und breit nicht vorhandenen McDonalds arbeiten. Die Frauen, die beim dem Präparator unter guten Bedingungen arbeiten (der Verfasser hat den Betrieb besichtigt) ebenfalls nicht. In einem Land, in dem jeder Zweite arbeitslos ist, tragen die vielen deutschen Jäger durchaus zum Fortschritt unter Beibehaltung der herkömmlichen Lebensart und der Würde dieser Menschen bei. Der Verfasser kann sich den Gesichtsausdruck von Hesekiel und Paulus vorstellen, wenn irgendein Tourist in bonbonfarbener Bekleidung aus dem Globetrotter-Shop (das waren die, die am Flughafen meine Jagdkleidung belächelten) den beiden würde erklären wollen, dass Jagd schlecht ist. Selbst, wenn sie ihn sprachlich verstehen würden, würden sie ihn nicht verstehen. Hesekiel würde vermutlich mit unergründlichem Gesicht so tun, als hörte er zu, dann schweigend weggehen und irgendwo unsichtbar eine aus Zeitungspapier gedrehte Zigarette rauchen. Und Paulus würde wohl nach einer ganzen Weile des Nachdenkens den Kopf schütteln und nur sagen „Jagd ist gut“ und sich insgeheim fragen, welcher arme Irre ihm da begegnet ist.
Hallo, die .300 Win Mag ist völlig in Ordnung. Ich habe damit auch auf Oryx gute Erfahrungen gemacht. Wie Sie richtig schreiben, kann dieses Harte Tier selbst mit einer getroffenen Lunge abgehen und wieder vollständig gesund werden. Alternativ kann ich für die beschriebene Situation die gute alte 9,3 x 62 empfehlen, allerdings mit einer Einschränkung hinsichtlich weiter Schüsse. Die .338 Win Mag hingegen würde ich für etwas übermotorisiert halten, weil sie ja einerseits für heimisches Wild kaum in Frage kommt und andererseits auch kein wirkliches Großwildkaliber ist.
AntwortenLöschenLiebe Leute, schaut Mal, was in Namibia sonst noch so abgeht. "Simbabwe light" sage ich und meine keine Biersorte: http://www.az.com.na/polizei-und-gericht/berufung-eingelegt.65321.php
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